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Mehr als wohnen

Am Großen Zernsee bei Potsdam haben Robin Stock und seine Familie ein neues Zuhause gefunden. In einem ehemaligen Fabrikgebäude leben dort 150 Menschen aus allen Generationen zusammen – als Mitglieder der Genossenschaft Uferwerk.

Bis vor vier Jahren wurde hier noch Blech bearbeitet, jetzt laufen Hühner über den Hof des einstigen Schaltgerätewerks Werder und Kinder rennen hinter ihnen her.

Robin Stock, ein 37-jähriger Politikwissenschaftler, lässt seinen Blick von der gelb-braunen Backsteinfassade der Gebäude über den Hof zum Ufer des Großen Zernsees schweifen, über den sich an diesem Nachmittag ein blauer Himmel wölbt. Auf dem Gesicht des Mannes liegt Zufriedenheit. Der gebürtige Berliner hat hier, südöstlich von Potsdam, ein neues Zuhause gefunden, das ganz seinen Vorstellungen entspricht.

 

Umgebaute ehemalige Fabrik...
Foto: Tina Merkau
... mit Wohn- und Aufenthaltsräumen
Foto: Tina Merkau

„Hier kenne ich von jedem Bewohner den Namen, auch von den Kindern, nur bei den Hunden hapert’s noch.“

Robin Stock
Mitglied der Genossenschaft Uferwerk in Werder

Mit seinem zweijährigen Sohn Nilo und seiner Lebenspartnerin ist er vor bald zwei Jahren aus Neukölln nach Brandenburg gezogen, an einen Ort, an dem er „weit mehr als nur wohnen“ kann. „Gemeinschaftlich“ will er leben, außerhalb der Stadt, um seinem Sohn eine Kindheit in einer „Nachbarschaft, wie es früher mal war“ zu ermöglichen. Das „Uferwerk“, wie die Genossenschaft heißt, erfüllt diesen Traum.

Stock wohnt hier mit 150 Genossenschaftlerinnen und Genossenschaftlern. Unter ihnen sind rund 50 Kinder, viele von ihnen so alt wie Nilo. Die 90-Quadratmeter-Wohnung der Familie liegt in einem Neubau an der Rückseite des Fabrikhofs. Das Nutzungsentgelt liegt bei rund 10 Euro pro Quadratmeter. Hinzu kommt eine Einlage von 550 Euro pro Quadratmeter Wohnfläche.  „Hier kenne ich von jedem Bewohner den Namen, auch von den Kindern, nur bei den Hunden hapert’s noch“, witzelt Stock. Er hat seine Arbeitszeit in einem Berliner Verein für politische Bildung auf 20 Wochenstunden reduziert, um für seinen Sohn da und im Uferwerk aktiv zu sein.

 

Am Großen Zernsee bei Potsdam
Tina Merkau
Robin Stock mit seinem zweijährigen Sohn Nilo
Tina Merkau

Die Uferwerkler tun was füreinander
Abendliche Doppelkopfrunden, gemeinsames Einkaufen in  der selbstinitiierten Food-Coop und gegenseitige Hilfe bei der Kinderbetreuung – die Uferwerkler tun was füreinander. Sie sind in ständigem Kontakt und entwickeln immer neue Ideen. Im Geschenke-Leih- und Tauschladen stehen Schlittschuhe und Sizilien-Reiseführer. „Für meinen Sohn kaufe ich so gut wie nie neue Klamotten“, sagt Robin Stock; im Kinderkleidungsregal türmen sich die T-Shirts.

„Haareschneiden gegen Fensterputzen – das gibt’s hier auch“, ergänzt Pia Heuer, 56, die als Vorstand in der Genossenschaft mitarbeitet. Sie lebt in einem WG-Zimmer im Haupthaus des Uferwerks. Das Wohnzimmer befindet sich in einem Türmchen, das hoch über der Landschaft thront. Der See liegt träge zwischen der Werderschen Landzunge und der Potsdamer Seite, eine Stimmung wie an einem Urlaubsabend. Doch Idylle ist nicht alles. „Pärchen trennen sich oder Bewohner sorgen sich wegen steigender Baukosten, dass sie das Entgeld nicht mehr zahlen können“, sagt  Pia Heuer. Zwei Genossen  verstarben bereits seit Bestehen der Genossenschaft.

Wenn Krisen auftreten, hilft die Gemeinschaft. So wurde ein schwerkranker Genosse von der Gemeinschaft begleitet und er saß bis zuletzt in einem Stuhl auf dem Hof - umgeben von Kindern und Erwachsenen. Bei Geldnot kann kurzfristig mit einem durch die Genossen entwickelten „Solifonds“ ausgeholfen werden. „Was wir mit unserem Geld machen, bestimmen die Genossen“, erläutert Heuer. Ganz basisdemokratisch werden Entscheidungen in Workshops vorbereitet und später in der Mitgliederversammlung beschlossen.

Dieser Beitrag ist zuerst im Genossenschaftsmagazin gemeinsam erschienen.
Erstes Grün
Foto: Tina Merkau
Haben sich gut eingelebt
Foto: Tina Merkau