Überwiegend für Menschen mit kleinem Einkommen | 200 Jahre Raiffeisen

Sicherheit geben, Zusammenhalt fördern

„Überwiegend für Menschen mit kleinem Einkommen“

5.600 Wohnungen für 10.000 Menschen – das ist die Wohnungsgenossenschaft „Lübecker Bauverein“. Mehr als 125 Jahre ist die Genossenschaft alt und sieht sich doch als modernes Unternehmen. Sie baut nicht nur laufend neue Wohnungen. Sie ist auch ein wichtiger Faktor zur Entwicklung der Hansestadt. Ein Interview mit dem Vorstand des Bauvereins, Stefan Probst.

Eine Genossenschaft in Lübeck – hatte das vielleicht etwas mit Seefahrt zu tun?
In gewisser Weise schon – zumindest am Anfang: Der Lübecker Schiffsmakler Johann Heinrich Gaedertz spendete Ende des 19. Jahrhunderts eine beträchtliche Summe zur Förderung des Baus preiswerter Arbeiterwohnungen. Diese Art bürgerschaftliches Engagement hat in Hansestädten Tradition. Das Geld wurde zum Startkapital für die Genossenschaft „Lübecker Gemeinnütziger Bauverein“. 1894 wurden die ersten 15 Wohnungen fertiggestellt.

 

„Wohnungsgenossenschaften galten lange Zeit als verstaubt oder langweilig. In der Finanzkrise hat sich gezeigt: Es ist eine Rechtsform, die zuverlässig ist.“

Stefan Probst
Vorstand des Lübecker Bauvereins
Das Neubauprojekt „Wohnen in Karlshof“ in der Lübecker Luisenstraße zeigt sich naturnah und modern.
Lübecker Bauverein
Vorstand des Lübecker Bauvereins, Stefan Probst
Fotos: Lübecker Bauverein

Eine schöne Geschichte. Doch ist der Bauverein damit auf der Höhe der Zeit? Große Spenden bekommen Sie wahrscheinlich heutzutage nicht mehr.

Wohnungsgenossenschaften galten lange Zeit als verstaubt oder langweilig. In der Finanzkrise hat sich gezeigt: Es ist eine Rechtsform, die zuverlässig ist. Wir verfolgen nach wie vor das Ziel, guten und günstigen Wohnraum anzubieten – überwiegend für Menschen mit kleinem Einkommen. Unser Portfolio ist dabei gemischt. Wir investieren auch schon mal im Eigentumsbereich und modernisieren Objekte. Die Gewinne fließen zurück in die Genossenschaft. So können wir es erreichen, dass wir bei den Mieten immer unter den Marktpreisen bleiben.

Wie hoch ist denn Ihre Durchschnittsmiete?

Bei geförderten Wohnungen beträgt sie 5,85 Euro kalt pro Quadratmeter, beim frei finanzierten Neubau etwa 10 Euro. Die Durchschnittsmiete beträgt 6,12 Euro. Es heißt immer, Genossenschaften sind die gelebte Mietpreisbremse. Wir müssen für unsere rund 9.100 Genossen aber auch schwarze Zahlen erwirtschaften, sonst können wir unseren Auftrag nicht erfüllen und das Unternehmen solide führen. Wir müssen neben der sozialen Seite deshalb auch immer die wirtschaftliche beachten.

Dazu haben Sie sogar ein Bankgeschäft eröffnet.

In der Finanzkrise haben wir überlegt: Können wir uns eigentlich immer auf die Banken verlassen? Das war die Geburtsstunde unserer Spareinrichtung. Es handelt sich um ein eingeschränktes Bankgeschäft. Wir haben lediglich die Erlaubnis, Spareinlagen entgegen zu nehmen und Sparbriefe herauszugeben. Es handelte sich klassisch um Hilfe zur Selbsthilfe, wie sie Raiffeisen vor 150 Jahren gefordert und gefördert hat. Wenn der Markt nicht mehr richtig funktioniert, müssen wir uns zusammentun und machen, was der Markt für uns nicht machen kann. Am Anfang haben wir hohe Zinsen von bis zu vier Prozent gezahlt. Das können wir jetzt nicht mehr. Aber wir haben uns ein echtes Standbein aufgebaut. Wir haben inzwischen 60 Millionen Euro Sparsumme bei den Mitgliedern eingesammelt. Das hilft uns, neue Wohnungen zu finanzieren.

Welche Rolle spielen für Sie neue Baukonzepte?

Wir denken nachhaltig und ökologisch. Zum Beispiel bauen wir mit Ziegelverblendern und nicht mit Putzfassaden, das sichert langfristig die Qualität. Die Materialien in unseren Sozialwohnungen unterscheiden sich nicht vom Standard der freifinanzierten Wohnungen. Wir arbeiten in einem Neubauprojekt mit einem Carsharing-Unternehmen zusammen und bieten Elektrotankstellen an. Wir helfen auch den Nachbarschaften, sich selbst zu organisieren, unter anderem in Gemeinschaftsräumen, die wir auch in Neubauten eingerichtet haben.

Wie sieht es mit der Nachfrage in Lübeck aus?

Wir haben eine super Nachfrage. Zurzeit haben wir 350 Wohnungen im Bau oder in Planung. Interessenten für diese Wohnungen haben wir auf jeden Fall, diese müssen aber mit einer Quadratmetermiete ab etwa 10 Euro bei den Neubauten rechnen. Darunter geht es nicht, denn die Baukosten und die Nebenkosten beim Bauen sind hoch. Im Fokus der heutigen Geschäftspolitik steht dabei die Innenstadtentwicklung Lübecks. Unser Investitionsschwerpunkt liegt im Bereich der Bestandserhaltung und der Modernisierung unserer Objekte, um die Zukunftsfähigkeit unseres Wohnungsbestandes zu sichern.

Das Gespräch führte Mechthild Henneke.