200 Jahre Raiffeisen

Sicherheit geben, Zusammenhalt fördern

„Was ist jetzt der Puls hier?“

Jahrelang lag das ehemalige Jugendfreizeitschiff „Freibeuter“ verwaist in der Rummelsburger Bucht in Berlin-Friedrichshain. Nun will ihr neuer Besitzer, die SpreeWOHNEN-Genossenschaft, dort alternative Lebens- und Wirtschaftskonzepte erforschen. Im Interview spricht Dipl. Ing. Arch. Markus Peter Ibrom, Vorstand der Genossenschaft, über Konflikte, deren Bewältigung und eine Genossenschaft als alternatives Projekt.

Herr Ibrom, was ist Ihre Vision von der „Freibeuter“?

Markus Ibrom: Das Schiff ist eine Forschungsstation. Unsere Hauptthemen sind Autarkie und Gemeinschaftlichkeit. Autarkes Leben reicht von der Nahrung über Energieversorgung bis hin zu den sozialen Grundbedarfen. Auf der „Freibeuter“ werden zum Beispiel wissenschaftliche Urban-Gardening-Projekte und Aquaponikexperimente umgesetzt, um der Frage nachzugehen, wie viel Bedarf an Gemüse durch unabhängiges Wirtschaften gedeckt werden kann. Eine kleine Herberge, eine Wasser-Kita und ein Nachbarschaftscafé sind auch geplant. Außerdem möchten wir unterschiedliche Formen des Zusammenlebens, etwa die WWG (Wohn- und WirkensGemeinschaft) sowie deren Vertiefung, die Gemilie (Gemeinschaft mit familiären Verantwortlichkeiten), praktisch erforschen. Dazu ziehen sechs Genossenschaftsmitglieder mit Kindern auf das Schiff. Wir möchten hier durch Seminararbeit und praktische Erfahrung an uns selbst besagte mutige Konzepte ausprobieren, um aus den Erkenntnissen Wissen zu gewinnen, das auch andere nutzen können.

Wie kam es dazu, daraus ein genossenschaftlich organisiertes Projekt zu machen?

Markus Ibrom: Wir sind fünf Gründer, die nicht nur reden, sondern auch etwas bewegen wollen. Für uns kam nur eine Genossenschaft infrage, weil es sich um ein Mischwesen zwischen gemeinnütziger Organisation und Kapitalgesellschaft handelt. Wir sind alle unterschiedliche Persönlichkeiten mit verschiedenen Kompetenzen, aber auf der Genossenschaftsebene sind wir alle gleichgestellt. Wir entscheiden gleichberechtigt und haften gleichermaßen, auch bei unterschiedlichen Kapitaleinlagen.

„Man wird als Teilhabender ernst genommen.“

Markus Ibrom
Spreewohnen eG

Wie gehen Sie mit Konflikten um?

Markus Ibrom: Wenn ein Konflikt da ist, kommen nach Möglichkeit alle Genossenschaftsmitglieder zusammen. Wir bleiben dann so lange im Thema, bis Synergie entsteht. Da kann es vorkommen, dass wir uns drei- oder viermal treffen, bis das gelingt. Der Ausgangspunkt ist, dass wir kompromisslos sind. Kompromisse haben immer den bitteren Beigeschmack, dass einer in der Minderheit als Verlierer dasteht oder sich alle ein bisschen als Verlierer wahrnehmen. Wir suchen eher nach Synergien. Das setzt ein viel höheres Engagement und auch geistige Beweglichkeit voraus, aber wenn man das ein paar Mal gemacht hat, entsteht so etwas wie ein Basisvertrauen darin, dass jeder berücksichtigt wird.

 

Wird im Mai Schiffsbewohner: Vorstand Dipl. Ing. Arch. Markus Peter Ibrom auf dem Sonnendeck der „Freibeuter“
Fotos: westrichfoto.de
Die „Freibeuter“ - das inoffizielle Wahrzeichen der Rummelsburger Bucht. Seit 16 Jahren liegt das Containerschiff am Nordwestufer der Bucht.

Warum ist das Genossenschaftsmodell heute so relevant? 

Markus Ibrom: Als Wirtschaftsmodell hat es den Vorteil, dass man als Teilhabender ernst genommen wird. Die Genossenschaft bietet klare Rahmenbedingungen. Jeder hat eine Stimme. Das Stimmengewicht ist nicht davon abhängig, wie viel Geld ich eingebracht habe. Jeder, der sich diesem Thema öffnet, weiß, dass er mit den anderen gleichberechtigt zusammensitzt. Das zieht Menschen an, die über Argumente und nicht über Mehrheiten vorankommen wollen. Das ist schon mal ein irrer Qualitätssprung. Außerdem gibt es Menschen, die wenig betriebswirtschaftliche Erfahrungen haben. Durch die doppelte steuerliche Prüfung des Aufsichtsverbandes etwa gibt es die Möglichkeit, das Vertrauen auszulagern. Dann vertraut man dem Vorstand mehr, als wenn es das nicht gäbe.

Was sind die größten Herausforderungen bei der Planung und Umsetzung des Projekts?

Markus Ibrom: Die größte Herausforderung ist, bis zum 1. Mai 2017 die bestmögliche Basisausstattung zu bekommen, um das Schiff beziehen zu können. Ende Mai können wir dann mit der Werbung starten. Wir werden uns ausprobieren und bereits im Juni oder Juli mit einem halbwegs regelmäßigen Seminar- und dem Cafébetrieb starten.

Wie vernetzen Sie sich mit anderen Akteuren im Kiez?

Markus Ibrom: Wir wissen, dass die „Freibeuter“ seit 16 Jahren inoffizielles Wahrzeichen der Rummelsburger Bucht ist. Das verpflichtet uns dazu, mit den Akteuren im Kiez in Kontakt zu treten und zu fragen: „Was ist jetzt der Puls hier?“. Wir engagieren uns in verschiedenen Nachbarschaftsverbänden und Bezirksverordnetenversammlungen und klopfen beim Naturschutzbund und bei Hochschulen an und sagen: „Nutzt das Schiff für eure Treffen! Nutzt das Schiff für Veranstaltungen!“ Unsere Hoffnung ist, dass sich die Menschen beim Tun begegnen.