Schönes aus der Werkstatt | 200 Jahre Raiffeisen

Sich einbringen, Verantwortung übernehmen

Schönes aus der Werkstatt

Wer glaubt, in Werkstätten für behinderte Menschen würden nur einfachste Tätigkeiten ausgeübt, liegt falsch. Von der Malerwerkstatt über die Bonbonmanufaktur bis hin zum IT-Bereich finden Menschen mit Handicap hier berufliche Perspektiven.

Es sieht einfacher aus, als es ist. Zucker wird aufgekocht und verwandelt sich in eine zähflüssige Masse. Diese wird auf einen kalten Granittisch gegossen, mit natürlichen Aromen und bunten Farbstoffen ergänzt. Noch immer rund 80° C heiß, wird sie in Teams von drei bis vier Personen weiterverarbeitet. Sie stehen eng beisammen an einem beheizbaren Tisch und zaubern aus dem klebrigen Zuckerzeug Süßigkeiten mit buntem Muster. Das ist anstrengend, erfordert Konzentration und Geduld. In der Bonbonmanufaktur der faktura gGmbH, einer von 17 Werkstätten für behinderte Menschen in Berlin, wird Hand in Hand gearbeitet – auch im nächsten Arbeitsschritt, dem sorgfältigen Abwiegen und Verpacken.

„Wir wollen ganz normale Arbeitsbedingungen schaffen.“

Ronny Dix
Werkstattleiter der faktura gGmbH
Julia Hagelganz übernimmt geduldig das Filzen. In weiteren Arbeitsschritten entstehen aus dem Filzstoff edle Taschen.
Fotos: Marion Hunger-Doll
In der Bonbonwerkstatt arbeitet das Team Hand in Hand. „Rockbonbons“ heißen ihre exklusiven Kreationen.

Am Punchingball mal Dampf ablassen

Leistungsstärke, Geduld und Konzentration sind Eigenschaften, die viele Arbeitgeber gerne sehen. Das gilt auch für Ronny Dix, Werkstattleiter und Prokurist des Unternehmens. Allerdings gibt es auch Unterschiede: „Viele unserer 150 Beschäftigten sind psychisch erkrankt und finden deshalb bei uns im geschützten Raum die Möglichkeiten, sich trotz Handicap beruflich zu entfalten“, sagt er. „Nicht jeder hier hält acht Stunden am Tag durch, die meisten brauchen öfter mal eine Pause.“ Je nach Temperament schalten die Mitarbeiter zwischendurch im Ruheraum ab oder bearbeiten einen Punchingball, wenn ihnen alles zu viel wird. Auf der einen Seite gibt es bei faktura also ganz normale Arbeitsbedingungen. „Auf der anderen Seite aber haben unsere Beschäftigten ihre Erkrankung, und dementsprechend werden sie individuell am Arbeitsplatz begleitet“, schildert Ronny Dix. Deshalb bietet faktura – anders als andere Unternehmen – auch pädagogische und psychologische Unterstützung.


Hochwertige Produkte, handgefertigt

Die Beschäftigten arbeiten in der Malerwerkstatt, in einer von drei Kantinen oder in einer der Manufakturen, die hochwertige Produkte herstellen: frisch gerösteten Biokaffee, leuchtend bunte Filz- und upgecycelte Stofftaschen sowie fruchtig-süße Bonbons, die zartcremig auf der Zunge schmelzen. „Mir gefällt es, dass ich etwas von Hand herstellen kann. Und dass unsere Produkte hochwertig sind“, sagt Tabea Schütz. „Unsere Arbeit wird wertgeschätzt, das tut gut“, ergänzt ihre Kollegin Gabi Koza. Da nicht jede(r) für die handwerkliche Tätigkeit gemacht ist, bietet die Werkstatt neben Verwaltungstätigkeiten auch Jobs für IT-Fachleute. Notebooks werden repariert und Internetseiten programmiert.


Kontakt zur Wirtschaft

Ronny Dix’ Aufgabe ist es, die Auftragslage zu sichern. Dafür arbeitet er mit der Genossenschaft der Werkstätten für behinderte Menschen Mitte eG (GDW) zusammen. Thomas Hille ist für die GDW Mitte eG im Raum Berlin-Brandenburg tätig. Unter anderem vermittelt er Bürodienstleistungen – die digitale Archivierung, das Scannen von Personalakten oder das Posteingangsscannen zum Beispiel. „Die Akten- oder Datenträgervernichtung gemäß dem Bundesdatenschutzgesetz ist eine verantwortungsvolle Aufgabe“, sagt Hille. „Das ist unser Ziel: Wir wollen Menschen mit Behinderungen einen qualifizierten und dauerhaften Arbeitsplatz ermöglichen – vom traditionellen Handwerk bis zur Zukunftstechnologie.“ Die GDW Mitte eG ist fester Bestandteil eines bundesweiten Netzwerkes. In Deutschland arbeiten mehr als 300.000 Beschäftigte in 682 Werkstätten für behinderte Menschen.

faktura-Werkstättenleiter Ronny Dix schätzt den Kontakt zum Netzwerk: „Wir sind mit den anderen Berliner Werkstätten zwar gut vernetzt “, sagt er. „Doch aus dem genossenschaftlichen Verbund ergeben sich noch mal neue Synergien und Kontakte zur Wirtschaft.“ Denn die faktura will auch in Zukunft anspruchsvolle Tätigkeiten anbieten können – für Menschen, die zwar beeinträchtigt sind, aber dennoch sorgfältig, kreativ und konzentriert arbeiten.