Die Mutmacher | 200 Jahre Raiffeisen

Sich einbringen, Verantwortung übernehmen

Die Mutmacher

Nach psychischen Krisen wieder auf die Beine zu kommen und ein geregeltes Arbeitsleben zu führen, fällt vielen Menschen schwer. Hier setzt die Genossenschaft „MutMacherMenschen“ aus Augsburg an. Das Besondere an dem Projekt von Edith Almer und ihren Genossen ist, dass Betroffene und Helfer die Genossenschaft gemeinsam führen.

Von Thomas Horsmann

Im Werkraum im Augsburger Betriebsgelände Martini-Park wird rund um den großen Tisch gearbeitet. Unter den wachsamen Augen von Chrys Hofstetter entstehen Wildbienenhotels aus Holz. Vor dem Beginn der Arbeiten hat der Werkstattleiter und 2. Vorstand der Genossenschaft jeden seiner sechs Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Frühschicht noch einmal in den Arbeitsschutz eingewiesen.

Nun verleimen und verschrauben sie die Seitenwände und Dächer der Häuschen. In die so entstandenen Rahmen kommen Vierkant-Hölzer, die mit verschieden großen Löchern versehen sind. Es folgen Schilfröhrchen, die sorgfältig in die verbleibenden Zwischenräume eingesetzt werden. Die präzise gebohrten Löcher und die Schilfröhrchen sind das Herzstück jedes Wildbienenhotels, denn die solitär lebenden Insekten verwenden sie als Brutzellen. Die noch rohen Häuschen werden zum Schluss noch sorgsam abgeschliffen.

Zurück in die Normalität

„Für die insgesamt 15 Frauen und Männer, die derzeit hier arbeiten, ist diese Tätigkeit ein Schritt zurück in die Normalität“, berichtet die geschäftsführende Vorsitzende Edith Almer. Die gelernte Holzbildhauerin coacht schon lange Menschen, die aus psychischen Krisen kommen. Meist liegen Erkrankungen wie Depressionen, Psychosen, Schizophrenie, bipolare Störungen oder Borderline hinter ihnen und sie tun sich schwer damit, eine Arbeitsstelle zu finden.

Ein Grund dafür ist, dass die Betroffenen lange nicht am geregelten Arbeitsleben teilgenommen haben und noch nicht in der Lage sind, eine volle Stelle zu bewältigen, erzählt Almer. Hinzu kommt, dass die Leute eine Erwerbsminderungsrente beziehen und deshalb nur drei Stunden täglich für einen Zuverdienst arbeiten dürfen – für viele ist aber auch das schon zu viel.

Bei den MutMacherMenschen wird deshalb nur von Montag bis Mittwoch in zwei Drei-Stunden-Schichten gearbeitet. „Das haben unsere Leute so entschieden“, berichtet Almer. In der Genossenschaft sind alle Mitarbeiter auch Genossen und alle Gremien sind auch mit Betroffenen besetzt. „Für uns ist es wichtig, dass die Betroffenen die Fachleute sind, die wissen, was sie brauchen und was nicht“, so Almer weiter.

Blick in die Werkstatt der MutMacherMenschen: Hier werden Insektenhotels gefertigt.
Deutsche Friedrich-Wilhelm-Raiffeisen-Gesellschaft/Regina Recht
Genossenschaftlerin Edith Almer glaubt, dass Betroffene selbst am besten wissen, was gut für sie ist.
Foto: Deutsche Friedrich-Wilhelm-Raiffeisen-Gesellschaft/Regina Recht

Entscheidungen werden gemeinsam getroffen

Diese Idee verfolgten Edith Almer und ihre Mitstreiter, als sie 2014 die Genossenschaft gründeten. Die dreifache Mutter arbeitete damals in einer gemeinnützigen GmbH, die psychisch Kranke in den Arbeitsmarkt bringt. Dort wurde zur Eingewöhnung ein normales Unternehmen simuliert. „Wir wollten aber eine richtige Firma gründen, in der Betroffene gleichberechtigt sind“, erzählt Almer. Ziel war, dass alle Entscheidungen gemeinsam getroffen werden und es keinen Chef gibt. Dafür war die Form der Genossenschaft ideal geeignet.

„Damals haben wir uns Lehmbau-Manufaktur genannt, weil wir mit dem Bau vom Pizza-Öfen aus Lehm begonnen haben“, sagt Almer. Der Markt für die Lehmöfen war jedoch zu klein, so dass die Genossen sich auf den Bau von hochwertigen Naturschutzprodukten aus Holz spezialisierten: Vogelfutter-Häuschen, Nisthilfen und Bienenhotels. Den Namen zu ändern, lag mit den veränderten Produkten nah. 2017 hatte eine Gruppe Ehrenamtlicher, die die Genossenschaft beim Marketing unterstützt, die zündende Idee für „MutMacherMenschen – Manufaktur mit Herz und Hand“.

Almer leitet ehrenamtlich die  Verwaltung der Genossenschaft – das heißt, sie ist ständig auf der Suche nach Fördermitteln. Denn die sind meist zeitlich begrenzt. In den ersten zwei Jahren unterstützte das Bayerisches Staatsministerium für Arbeit und Soziales, Familie und Integration die MutmacherMenschen, derzeit gibt es Geld von der Heidehof-Stiftung und vom Bezirk Schwaben, aber nur noch bis Ende des Jahres. Neue Förderer werden dringend gesucht, denn das Fördergeld dient dem Betrieb der Genossenschaft. Der Gewinn aus dem Verkauf der Produkte geht in den Zuverdienst der Mitarbeiter.

Für uns ist es wichtig, dass die Betroffenen die Fachleute sind, die wissen, was sie brauchen und was nicht.

Edith Almer
Vorsitzende der MutMacherMenschen eG

Sehen, was man geleistet hat

Wer zu den MutMacherMenschen möchte, absolviert erstmal ein Praktikum. Wenn alles passt, erhält der neue Mitarbeiter einen Vertrag über 100 Euro Zuverdienst. Dann kann er selbst entscheiden, in welchem Bereich er im Betrieb arbeiten möchte, Produktion oder Verwaltung. Die meisten wählen die praktische Arbeit, weil sie sehen können, was sie geleistet haben.

Auch wenn in der Genossenschaft nicht therapiert wird, betont Almer, ist das Arbeitsklima doch ein besonderes. Denn die Gemeinschaft und die Freude an der selbständigen Tätigkeit sind den MutMacherMenschen wichtig. Der Stimmung im Team dient auch die wöchentliche sogenannte Befindlichkeitsrunde, in der sich die Mitarbeiter offen austauschen und Konflikte lösen.

„Bei uns stehen immer der Mensch und seine Bedürfnisse im Mittelpunkt und nicht das Produkt, ansonsten sind wir ein ganz normaler Betrieb“, sagt Chrys Hofstetter, der selbst aus einer psychischen Krise zu den MutMacherMenschen kam. Er hat es geschafft und ist ganz normal in Teilzeit angestellt.