Zurück ins Leben | 200 Jahre Raiffeisen

Sich einbringen, Verantwortung übernehmen

Zurück ins Leben

Lange ausschlafen, sich mit Mädels treffen, trinken, ein bisschen Sachbeschädigung – so in etwa sahen die Tage von Ronja aus, bevor sie bei Friederike Erbe in der Jugendagentur eG in Heidelberg landete. Die Sozialarbeiterin und Genossenschaftlerin hat ein großes Herz für Jugendliche, denen die Richtung fehlt.

„Ich habe mein eigenes Leben bekommen“, antwortet Ronja* auf die Frage, was sich für sie im Vergleich zu früher geändert hat. Vor drei Jahren fing alles an. Damals riet ihr die Gerichtshilfe, sich an Friederike Erbe von der Jugendagentur eG zu wenden. Die gemeinnützige Genossenschaft in Heidelberg hilft jungen Menschen mit dem Projekt „Kompetenzagentur“ auf die Beine: „Inzwischen ist es so, dass wir nicht nur traditionell das Bewerbungstraining durchführen. Sondern wir bearbeiten alles, was einem guten Start in das Berufsleben im Weg stehen könnte“, sagt Friederike Erbe.

Kräfte mobilisieren

Ein entscheidender Schritt für Ronja war die Aufnahme in ein Wohnprojekt, das die Jugendagentur betreut. Das hilft der 21-Jährigen, Abstand von ihrem „alten Leben“ zu bekommen: „Ich bin das erste Mal ins Heim gekommen, da war ich zwölf. Dann bin ich wieder nach Hause gekommen. Das war immer so abwechselnd. Und wenn ich mich mit meinen Freundinnen getroffen habe, haben wir alles Mögliche gemacht: getrunken, Sachbeschädigung, Notrufmissbrauch, Körperverletzung, geklaut – alles.“ Jetzt führt sie ein geregeltes Leben, mit einem eigenen Haushalt und einer Ausbildung zur medizinischen Fachangestellten.

Hat ihr Leben wieder im Griff: Ronja konnte die Hilfe der Genossenschaft Jugendagentur annehmen und so auf die Beine kommen. Jetzt absolviert sie eine Ausbildung zur medizinischen Fachangestellten.
Geschäftsführer Gerd Schaufelberger vermittelt im Sinne der Jugendlichen zwischen den Ämtern.
Fotos: Jörg Baumann

„Klar mache ich auch noch Party und so, aber nicht mehr so asozial wie früher.“ Einmal in der Woche trifft sie sich mit Friederike Erbe, um aktuelle Themen wie Schulden, Schulversäumnisse oder ganz persönliche Dinge zu besprechen. „Sie hilft mir bei allem. Wenn ich Streit mit meinem Freund habe. Wenn ich Ämtergänge erledigen muss. Auch beim Ausbildungsplatz. Immer hatte ich Absagen. Ich hatte keinen Bock mehr. Aber Friederike hat gesagt: Das schaffst du.“

Die studierte Sportpädagogin liebt ihre Arbeit. „Ich habe die jungen Leute immer ganz schnell im Herzen“, sagt Erbe. Aus diesem Grund verließ sie nach fünf Jahren den Vorstand der Jugendagentur und wechselte in die Betreuung. Sie möchte junge Menschen wie Ronja für ihre eigenen Bedürfnisse sensibilisieren. „Was willst du in deinem Leben? Was ist für dich eine gute Beziehung? Für solche Gespräche nehme ich mir viel Zeit“, erzählt sie und ist froh darüber, diese Freiheit zu haben. Ob Schulden durch Interneteinkäufe in großen Summen oder schwere psychische Probleme – Friederike leistet Beistand, kümmert sich um formelle Angelegenheiten, organisiert Termine bei Therapeuten und begleitet die Betroffenen zu Erstgesprächen. Die jungen Leute vertrauen ihr. 90 Prozent halten sich an ihre Termine und zehn von den 43 jungen Männern und Frauen, die Friederike Erbe betreut, absolvieren inzwischen eine Ausbildung.

Wir sind an den Schnittstellen tätig. Das Jobcenter will etwas anderes von den jungen Leuten als das Jugendamt. Da vermitteln wir.

Gerd Schaufelberger
Geschäftsführer Jugendagentur eG

Gemeinnützig, sozial, abgesichert

Die Jugendagentur eG nimmt im sozialen Bereich eine wichtige Rolle ein. „Wir sind an den Schnittstellen tätig. Das Jobcenter will etwas anderes von den jungen Leuten als das Jugendamt. Da vermitteln wir“, sagt Geschäftsführer Gerd Schaufelberger. Neben den Coachingprojekten initiiert und betreut die Jugendagentur außerdem schulische und außerschulische Angebote wie die Schülerfirma Ragazzeria, die eigenes Olivenöl vertreibt, oder „Cook Your Future“, ein Projekt, das Geflüchtete für die Gastronomie qualifiziert. 

Seit 2014 steht die Genossenschaft auch finanziell auf stabilem Boden – dank einer institutionellen Förderung. „Wir sind die Ersten, die das in Heidelberg im Jugendbereich bekommen haben.“ Das heißt, die Geschäftsführungsanteile sind gesichert und die Existenz der Jugendagentur hängt nicht mehr von der Förderung einzelner Projekte ab. Die Idee mit der Genossenschaft hatte noch der Vorstandsvorgänger von Gerd Schaufelberger: „Er wollte, dass die Mitarbeiter sich mehr einbringen. Dass es einfach ihr Kind ist.“

Die Teammitglieder der Jugendagentur gehen freundschaftlich miteinander um, die Atmosphäre ist locker. Sie duzen sich, kochen zusammen und einmal im Monat gibt es eine Supervision. Das und eine Coachingausbildung helfen Friederike Erbe im Kontakt mit den jungen Erwachsenen. „Ich bewerte sie nicht. Deshalb fällt es mir leicht, sie anzunehmen.“ Und das spüren die Ratsuchenden, von denen viele ein so enges Verhältnis zu ihr aufbauen wie Ronja. Die erzählt: „Friederike ist wie meine zweite Mama. Sie wird auch zu meiner Hochzeit eingeladen.“ 

* Name von der Redaktion geändert