Urbanes Dorf in bester Lage | 200 Jahre Raiffeisen

Sich einbringen, Verantwortung übernehmen

Urbanes Dorf in bester Lage

Den Rhythmus der Beats aufgeben, um Großinvestoren Platz zu machen? Das kam für die Betreiber des legendären Technoklubs „Bar25“ in Berlin-Friedrichshain nicht infrage. Als Genossenschaft „Holzmarkt 25“ schafften sie es, ein Filetgrundstück an der Spree als Bauherren zu übernehmen – mithilfe einer Schweizer Pensionskasse.

Das Millionenprojekt sieht aus wie ein Abenteuerspielplatz für Erwachsene: Hütten und Häuser stehen verstreut auf einem Gelände, das gleichzeitig urwüchsig und unfertig wirkt. Hier ein Café, dort ein Büro, ein Veranstaltungssaal oder ein Restaurant. Dazwischen führen Trampelpfade bergauf und bergab, sie sind mit Natursteinen eingefasst, überall stehen Holztische und -bänke. Das Ufer der Spree schließt das Gelände an der Südseite ab. Hier lädt ein großes Holzpodest zum Rumlümmeln und Seele-baumeln-Lassen ein.

Haben Investoren die Stirn geboten und ein Filetgrundstück in Berlin erobert: Ania Pilipenko und Friedrich Sefranek von der Genossenschaft Holzmarkt 25.
Fotos: Tina Merkau

Ania Pilipenko läuft leichtfüßig über die Wege. Die junge Frau mit cooler schwarzer Hornbrille und langem, dunkelbraunem Haar erklärt, was sich wo befindet, ihr Handy mit einer rosa Comicfigurenhülle stets in der Hand oder am Ohr. Die 34-jährige Wahlberlinerin aus Krasnodar im tiefen Russland ist von zarter Statur, aber eine Powerfrau durch und durch. Sie kam vor zwölf Jahren nach Berlin. Friedrichshain und seine Klubs erschienen ihr damals als „schönster Ort, den ich je gesehen hatte: frei, kreativ, herzlich und lebensfroh“. Sie blieb und, das darf man wohl sagen,
sie veränderte das Gesicht der Stadt. Sie verpasste ihm eine dicke Sommersprosse.

Traumgrundstück am Spreeufer
Pilipenko ist eine der Gründerinnen einer Genossenschaft, die den Abenteuerspielplatz am Holzmarkt 25 in Berlin-Friedrichshain erfand. Das Gelände unweit des Ostbahnhofs hat eine Toplage. Die Mercedes-Benz Arena ist nah, die großen Bürogebäude mit ver.di und dem
Musikriesen Universal ebenfalls. Einst hatte der Berliner Senat hier das Investorenprojekt
Media-Spree errichten wollen, doch da hatte er nicht mit Ania Pilipenko und ihren Mitstreitern gerechnet.

Sie waren Betreiber der Bar25, eines kultigen Technoklubs an der Stelle, wo jetzt der Holzmarkt ist. Der Klub hatte es in jeden Reiseführer geschafft, wenn auch längst nicht jeder Reisende es in die von einer Türsteherin streng bewachten Räume des Klubs schaffte. Die Lebenszeit der Bar25 war aufgrund eines zeitlich befristeten Nutzungsvertrags begrenzt, doch die Community, die hier die Wochenenden durchtanzte, wollte sich mit dem Ende der Technonächte nicht abfinden. Vor allem wollten sie den Verkauf des Grundstücks an die Media-Spree-Investoren verhindern.

Die Gruppe organisierte sich als GmbH und mietete als Übergangsstandort eine ehemalige Seifenfabrik in der Nähe. Von dort konnte sie über die Spree auf das alte Gelände der Bar25 blicken und träumen. „Wir haben uns den Holzmarkt als urbanes Dorf mit Schwerpunkt Musik, Gastronomie und Kultur vorgestellt“, berichtet Pilipenko. Eigentümerin des Geländes war die Berliner Stadtreinigung. Sie winkte schnell ab, als sie von den Ideen der Technofans hörte, denn als landeseigenes Unternehmen ist sie an ein Bieterverfahren gebunden, bei dem vor allem der Preis zählt. Doch die Gruppe gab nicht auf. Inzwischen begannen die Mitglieder, über Unternehmensformen nachzudenken, und fanden die Genossenschaft geeignet. „Jeder hat eine Stimme alle sind gleichberechtigt“, nennt Friedrich Sefranek, 63, zwei wesentliche Vorteile. Der ehemalige Banker und heutige Unternehmensberater aus Köln lernte die Holzmarkt-Aspiranten kennen und wurde zu ihrem Berater. Inzwischen ist er Vorstand der Genossenschaft.

Jetzt ist die Herausforderung, die Community tagtäglich zu organisieren und weiterzuentwickeln.

Ania Pilipenko
Mitgründerin der Genossenschaft Holzmarkt 25

Musikstudios, eine Kita und jede Menge Leben
Irgendwann platzte der Knoten: Die Schweizer Pensionskasse „Stiftung Abendroth“ erklärte sich bereit, das Grundstück für die mittlerweile gegründete Genossenschaft zu erwerben. Die Genossen schlossen mit der Stiftung einen Erbpachtvertrag über 75 Jahre ab, und was zunächst ein Traum war, wurde konkret: Ein Dorf entstand, mit Häusern und Hütten aus Beton und Holz, modern und ökologisch. Hinter den künstlerisch gestalteten Fassaden befinden sich Musikstudios,
eine Kita, ein Café, ein Restaurant und jede Menge Leben.

Am 1. Mai 2017 wurde das Dorf eröffnet. „Jetzt ist die Herausforderung, die Community tagtäglich zu organisieren und weiterzuentwickeln“, sagt Pilipenko. Ihr Blick schweift über das Gelände, wo
sich ein kleiner Bruder der Bar25, der Kater Blau, angesiedelt hat. Es ist wieder ein Technoklub. Hier tanzen sich die Bauherren von heute den Stress weg. Nebenan wird ein Gebäude abgerissen.
„Als die Häuser mit Büros gebaut wurden, befanden sich hier die Werkstätten der Bauarbeiter“, sagt Pilipenko. „Demnächst wollen wir Räume für Tattoound Lichtkünstler, Designer, Handwerker
und andere Kreative anbieten.“

Nachbarn und Touristen sitzen am Wasser und plaudern
Die Vermietung der Räume an einzelne Künstler oder an Unternehmen ist eine Quelle, aus der sich das Projekt finanziert. „Es gibt aber auch Gesellschaften, die zur Familie gehören“, sagt Sefranek und meint zum Beispiel das Restaurant auf dem Gelände. Daran ist die Genossenschaft beteiligt und wirtschaftet mit.

Fotos: Tina Merkau
Vom Holzmarkt aus beliefert Konditorin Sarah Klausen (links) Restaurants und Cafés in ganz Berlin. Im Bild mit Kollegin Julia Ronzheimer.

Das reiche Angebot an Essen und Trinken am Holzmarkt 25 lockt inzwischen
am Wochenende Hunderte Gäste an: Nachbarn, Berliner und Touristen sitzen am Wasser, plaudern bei einer Tasse Kaffee und einem Stück Kuchen. Dann muss Sarah Klausen, 31, fleißig backen. Die Konditorin hat vor einem Jahr eine Patisserie auf dem Gelände eröffnet. Sie beliefert die Gastronomie vor Ort und in ganz Berlin.

Ein Genossenschaftler steckt den Kopf in die Backstube, um nach einem Geburtstagskuchen für ein Vorstandsmitglied zu fragen. Man gehört zusammen. „Jeder kann mitmachen – in seinem Rahmen. Der Holzmarkt ist ein Chancengeber“, sagt Klausen und wendet sich wieder der Mandeltarte mit roten Johannisbeeren zu. Draußen scheint die Sonne und die ersten Besucher streunen übers Gelände und suchen nach ihrem
Lieblingsplatz.