Ganz großer Bahnhof | 200 Jahre Raiffeisen

Sich einbringen, Verantwortung übernehmen

Ganz großer Bahnhof

Züge halten nur noch gelegentlich am Bahnhof Bad Düben. Dass das Gebäude nicht längst abgerissen ist, sondern nach und nach saniert wird, dass Kultur- und Bildungsveranstaltungen stattfinden, ist dem neuen Eigentümer zu verdanken: der Bahnhofsgenossenschaft Dübener Heide eG.

„Uns ist wichtig, dass die Bahnhöfe als Wirtschafts- und Kulturräume nicht verloren gehen“, sagt Michael Kühn. Der Garten- und Landschaftsbauer hat zwei nicht mehr genutzte Bahnhöfe gekauft und dann in die Genossenschaft eingebracht: den Bahnhof in Bad Düben in Sachsen und den in Söllichau in Sachsen-Anhalt. Sie liegen nahe beieinander, auch wenn sie zu unterschiedlichen Bundesländern gehören. Außerdem wurden beide von der Deutschen Bahn aufgegeben und sollten abgerissen werden.

Klinkerbau mit Patina: das Bahnhofsgebäude Bad Düben.
Foto: Wikipedia/Jwaller
Zahlreiche Besucher und gute Stimmung beim Sommerfest am Bad Dübener Bahnhof.
Foto: Verein Dübener Heide

In Söllichau hat jetzt die Genossenschaft ihr Büro. In Bad Düben finden die Veranstaltungen statt: Auf dem insgesamt 2.500 Hektar großen Areal hat die Genossenschaft in Kooperation mit dem Verein Dübener Heide eine Gartenfläche angelegt und bringt Interessierten in Workshops bei, wie man einen Kompost richtig anlegt, ein Insektenhotel oder ein Gewächshaus baut. Alles läuft unter dem Motto „Urban Gardening geht aufs Land“ und wird organisiert von Genossenschaftler Dr. Torsten Reinsch und seinem Team, der Ortsgruppe „Gemeinschaftsgarten am Wasserturm“ des Vereins Dübener Heide. Ihr Ziel ist es, die „kommunikativen, integrativen und bildenden Potenziale von Gemeinschaftsgärten“ für den ländlichen Raum zu nutzen.

Traditionen pflegen
Außerdem bietet die alte Güterhalle Raum für Musik und Kunst, für „Jazz im Bahnhof“ etwa, sowie für Vorführungen des LandschafftTheater Bad Düben. Die Genossenschaft ist offen für weitere Kooperationen. „Wir wollen ein Ort für das kulturelle Leben in der Region sein“, so Kühn. „Lebensraum schaffen, lebenswertes Leben ermöglichen und gleichzeitig Traditionen pflegen“ lauten die Ziele der Genossenschaft.

Wir wollen ein Ort für das kulturelle Leben in der Region sein, Lebensraum schaffen, lebenswertes Leben ermöglichen und gleichzeitig Traditionen pflegen.

Michael Kühn
Bahnhofsgenossenschaft Dübener Heide e.G.

Damit die beiden Bahnhöfe noch lebendiger werden, ist aber einige Sanierungsarbeit nötig. Auf 130.000 Euro schätzt Kühn die reinen Baukosten in Söllichau, ohne Eigenleistung der Genossenschaftsmitglieder „Der Söllichauer Bahnhof ist relativ gut erhalten“, erklärt Kühn. In Bad Düben sieht es anders aus, rund 500.000 Euro müssten dort zur vollständigen Instandsetzung investiert werden, so die Prognose.

Bislang ist es der Genossenschaft allerdings noch nicht gelungen, dafür einen Kredit zu erhalten. „Insgesamt läuft alles doch etwas zäher als ich dachte“, gibt Kühn zu. Doch es gibt auch Lichtblicke: Gerade wurde ein Förderantrag genehmigt. So gehen die Renovierungsarbeiten eben Schritt für Schritt voran. Zum Söllichauer Bahnhof gehören zwei kleine Wohnungen, die demnächst renoviert werden sollen. In Bad Düben möchte die Genossenschaft als nächstes die „Mitropa“, also den alten Gastraum, soweit wiederherstellen, dass er auch benutzt werden kann.

Mitglieder der Genossenschaft Bahnhofsgenossenschaft und des Vereins Dübener Heide wollen das Areal rund um den ehemaligen Bahnhof wieder beleben – und legen dazu Beete an.
Verein Dübener Heide

Gegen die Zerstörung
Bei aller Arbeit und manchem Frust ist es Kühn die Sache wert: „Ich finde es einfach unmöglich, dass Bahnhöfe zerstört werden.“ Zum einen tut es ihm um die schönen alten Gebäude leid. Ende des 19. Jahrhunderts errichtet, haben beide genossenschaftseigenen Bahnhöfe eine sehr gute Bausubstanz. „Außerdem sollte man auch die Geschichte nicht vergessen“, sagt Kühn. Der Bahnhof in Söllichau wurde während der NS-Zeit auch zur Deportation von KZ-Häftlingen benutzt. Die Bahnhofsgenossenschaft würde gerne mit einem Denkmal an die Menschen und das erlittene Unrecht erinnern. „Wir möchten ein Bildhauersymposium veranstalten, bei dem ein Vorschlag für ein Denkmal erarbeitet wird“, erzählt Kühn.

Pläne hat die Genossenschaft also reichlich. Um diese zu realisieren, wünschen sich Kühn und seine Mitstreiter noch mehr Mitglieder. Bislang engagieren sich zehn Männer und Frauen in der traditionsbewussten eG.

Mehr Informationen und Kontakt unter https://www.bgdh.de/