Schülergenossenschaft Tech-Stil | 200 Jahre Raiffeisen

Fürs Leben lernen, Zukunft gestalten

Eine Frage des Stils

Teckstil – so heißt eine Schülergenossenschaft aus Baden-Württemberg, die eine alte Idee Jahr für Jahr einer Verjüngungskur unterzieht und damit im wahrsten Sinne des Wortes anziehend wirkt.  

Sie ist eine der ersten in Baden-Württemberg – die Schülergenossenschaft Teckstil. Der Name – abgeleitet vom Sitz der „Firmenzentrale“, dem Schlossgymnasium Kirchheim unter Teck – ist Programm: Die Schülergenossenschaft produziert und verkauft Textilien mit dem Logo der Schule, frei nach dem Vorbild englischer oder amerikanischer Universitäten. 

Unterstützt wurde die Gründung im Jahr 2014 vom Baden-Württembergischen Genossenschaftsverband, der Beispiele für erfolgreiche Schülergenossenschaften in Niedersachen und Nordrhein-Westfalen fand und das Konzept ins geschäftstüchtige Ländle übertrug. Das Ziel: Jungen Menschen erste Einblicke ins Berufsleben zu verschaffen und dabei Werbung für die Genossenschaftsidee als Organisationsform zu machen. Ein Partner für die Gründung war schnell gefunden, Volksbank Kirchheim-Nürtingen eG, heute im Aufsichtsrat repräsentiert. 

Genossenschaft will gelernt sein

Ebenso wichtig wie Partner, Idee und Produkt ist aber auch der organisatorische Teil der Genossenschaftsidee. Wie jede andere auch braucht Teckstil Gremien wie einen gewählten Vorstand und einen Aufsichtsrat. Katinka Soller, 18, und Julius Kerschl, 18, befinden sich gerade an der Schwelle vom einen zum anderen. Ihren Posten als Doppelspitze geben sie im November auf und wechseln in den Aufsichtsrat – vorausgesetzt natürlich, sie werden gewählt. Zeit, zurückzublicken: „Am Anfang war es schwierig, von der Rolle der Schülerin in die der Chefin zu wechseln“, erinnert sich Katinka. „Chefin sein geht mit viel finanzieller Verantwortung einher, aber man muss auch motivieren können.“ In seiner Zeit als Vorstand von Teckstil ist Julius auf den Geschmack gekommen: „Ich bin ganz gerne Chef“, sagt er. „Aber ich habe in der Genossenschaft auch eine Art Heimat gefunden, der ich verbunden bleiben will.“

In einer Genossenschaft, so haben die beiden gelernt, heißt „Chef sein“ aber nicht, alles allein zu entscheiden und die anderen machen zu lassen: „Bei uns darf diskutiert werden, und jede Entscheidung wird nach demokratischen Prinzipien getroffen. Beispielsweise haben wir über jedes einzelne Design abgestimmt, denn über Geschmacksfragen lässt sich ja streiten.“ 

Jason Gallagher und Laura Ulmer präsentieren zwei Klassiker der Kollektion.
privat
Katinka Soller (2.v.l.) und Julius Kerschl 4. v l.) sowie weitere Genossenschaftsmitglieder freuen sich über eine Scheckübergabe vor der Volksbank Kirchheim-Nürtingen eG.
privat

Frisches Blut, frische Ideen

Mit dem Ausscheiden von Katinka und Julius aus dem Vorstand endet ein einjähriger Zyklus. Jetzt stehen zwei Nachfolger oder Nachfolgerinnen zur Wahl, die das Ruder übernehmen und aus den Erfolgen und Fehlern ihrer Vorgänger lernen können. Das macht die Stärke dieser Genossenschaft aus – frisches Blut und frische Ideen, jedes Jahr aufs Neue. Denn mit den Kaufgewohnheiten ändern sich auch Mode und Geschmäcker. Deshalb werden die Produkte von Teckstil immer wieder geprüft und überarbeitet. Die ursprünglichen Produkte, wie z. B. der Schulpullover, wird demnächst einer Generalüberholung unterzogen. Zudem entwirft das Design-Team eine Sport-Kollektion.

Der Aufsichtsrat von Teckstil, für den sich Katinka und Julius jetzt bewerben, besteht neben zwei Schülern aus zwei Lehrern, einem Vertreter der Volksbank Kirchheim-Nürtingen eG und einer Vertreterin des Partnerunternehmens – in diesem Gremium kommen schon einige Jahre Berufserfahrung zusammen. Die Genossenschaft insgesamt besteht aus knapp einhundert Mitgliedern, zu denen aktive und ehemalige Schülerinnen und Schüler ebenso gehören wie Mitglieder des Gemeinderates und Unternehmer, die die Schülergenossenschaft unterstützen möchten.

Die Leitung im Tagesgeschäft liegt allerdings zu 100 Prozent in Schülerhand – mit allem was dazu gehört. Beispielsweise einen Businessplan zu erstellen, Marketing-Maßnahmen zu planen, Preise zu kalkulieren und über neue Designs und Produkte nachzudenken. 

Das macht die Stärke dieser Genossenschaft aus – frisches Blut und frische Ideen, jedes Jahr aufs Neue.

Auf der Höhe der Zeit

Damit die Schülergenossenschaft langfristig bestand hat, wird sie als Seminarkurs oder AG angeboten – und ist somit fest in den Lehrplan integriert. Mit jeder neuen „Generation“ kommen neue Impulse und Ideen. So musste für eine Bestellung zu Beginn noch ein Formular ausgefüllt oder eine E-Mail geschrieben werden. Heute geht es auch ganz zeitgemäß im Online-Shop. Damit sinkt auch der Verwaltungsaufwand. Der nächste Schritt ist auch schon beschlossen: die Automatisierung der Rechnungsstellung.

Am Ende jedes Schuljahres prüft der Genossenschaftsverband Baden-Württemberg die Gewinn- und Verlustrechnung. Gewinne investiert Teckstil ins Unternehmen oder spendet sie für soziale und gesellschaftliche Projekte. Im Schuljahr 2017/18 beispielsweise konnte sich der Bildungs- und Sozialfonds "Starkes Kirchheim" über 900 Euro Spendengelder freuen. 

Wenn Katinka und Julius zurückblicken, hat ihnen die Zeit als Genossenschaftler viel gebracht: „Wir kennen Raiffeisen und die Genossenschaftsidee nicht nur von Wikipedia, sondern haben in einer Genossenschaft wirklich gearbeitet“, sagt Julius. „Sie ist unsere erste Begegnung mit der Wirtschaft“, meint Katinka. „Das, was wir bei Teckstil gemacht haben, ist auch später mal gut, für ein Praktikum oder ein Bewerbungsgespräch.“