Interview-mit-Prof. Dr. Nicole Göle | 200 Jahre Raiffeisen

Fürs Leben lernen, Zukunft gestalten

„Die Schüler fühlen sich ernst genommen“

Sozialökonomin Nicole Göler von Ravensburg von der Frankfurt University of Applied Sciences forscht seit Jahren über Schülergenossenschaften. Im Interview spricht sie über Arbeit, Erfolge – und ein Eis zur Belohnung.

 

Funktioniert eine Schülergenossenschaft wie ein echtes Unternehmen?

Nicole Göler von Ravensburg: Ja, es ist ein Geschäft, zum Beispiel eine Schulcafeteria, ein Eventmanagement oder eine Produktion von Honig. Oder die Schülergenossenschaft bietet Dienstleistungen wie einen Hundeausgehdienst an. Anders als im Unternehmen steht aber Gewinnmaximierung nicht im Vordergrund, sondern es Fragen wie: Was bedeutet es, zu wirtschaften? Wie werden Entscheidungen getroffen? Dabei gilt das Kopfstimmrecht. Das bedeutet: Jede und jeder hat eine Stimme – egal ob sie oder er Etiketten auf Marmeladengläser aufklebt oder im Vorstand sitzt.

 

Wie organisiert sich die Genossenschaft?

Nicole Göler von Ravensburg: Die rund 30 Schülerinnen und Schüler, die sich zusammengeschlossen haben – oft schon ab der 7. Jahrgangsstufe – wählen jedes Jahr Vorstand und Aufsichtsrat. Der Vorstand führt die Geschäfte, der Aufsichtsrat passt auf, dass alles, was entschieden wird, im Sinne der Mitglieder ist. So ein Amt zu haben, bedeutet aber nicht, dass man nicht mehr arbeiten muss. Jeder fasst mit an.

„Ob Vorstand oder Aufsichtsrat: Jeder fasst mit an.“

Nicole Göler von Ravensburg
Sozialökonomin
Die Sozialökonomin Nicole Göler von Ravensburg forscht zu Schülergenossenschaften.
Foto: Torsten Silz

Wer kontrolliert die Bücher?

Nicole Göler von Ravensburg: Neben den Schülern und Schülerinnen, die in der Buchhaltung tätig sind, prüft ein regionaler Genossenschaftsverband sie jedes Jahr. Übrigens werden Gewinne meist reinvestiert oder für soziale Zwecke ausgegeben. Die Schüler gönnen sich höchstens ein Eis oder einen Kinobesuch zur Belohnung. Feedback erhalten sie auch von den Partnern vor Ort. Das sind Unternehmen aus derselben Branche oder Volks- oder Raiffeisenbanken, die die Schüler und Schülerinnen als Tutoren unterstützen.

 

Klingt ziemlich seriös.

Nicole Göler von Ravensburg: Und es ist genau das, was den Schülern und Schülerinnen viel bedeutet. Sie beziehen einen großen Teil ihres Vergnügens an der Arbeit daraus, dass ihnen etwas zugetraut wird und dass sie das auch schaffen. Die Eigenständigkeit verhilft zu Vergnügen. Es gefällt ihnen, etwas aus ihrem Leben zu machen. Der Kontakt mit Erwachsenen außerhalb der Schule ist ebenfalls wichtig. Sie fühlen sich ernst genommen.


Kommen die Schüler und Schülerinnen so auf Ideen für einen späteren Beruf?

Nicole Göler von Ravensburg: Die Arbeit in der Genossenschaft gibt ihnen Einblicke in den Berufsalltag. Sie entdecken an sich Kompetenzen, finden zum Beispiel heraus, wo sie besonders sorgfältig und kreativ sind. Diese Art von Fähigkeiten fällt in der Schule häufig nicht so auf und schlägt sich nicht unbedingt in Noten nieder. Darin sehe ich eine große Chance der Schülergenossenschaften.