Mikrokredit | 200 Jahre Raiffeisen

Chancen bieten, Eigenständigkeit bewahren

Kleine Summen, große Wirkung

Mikrokredite ermöglichen es Menschen ohne Kapital, eine Firma zu starten. In Deutschland haben sie zuletzt vielen Sozialunternehmen auf den Sprung geholfen.

Mikrokredite – dabei denkt man schnell an Muhammad Yunus, den bengalischen Wirtschaftswissenschaftler, der 2006 den Friedensnobelpreis bekam. Yunus hat eine Bank gegründet, die Mikrokredite an Menschen ohne Einkommenssicherheiten vergibt. Doch er steht in einer Tradition, die Friedrich Wilhelm Raiffeisen bereits im 19. Jahrhundert begründete. 

„Raiffeisen entwickelte die Idee des Genossenschaftswesens und damit die Idee der genossenschaftlichen Bank“, sagt Kulturwissenschaftler Peter Sprinkart aus München. Sprinkart beschäftigt sich seit Jahren mit der Sozialwirtschaft. Mikrokredite sind eines seiner Themen. „Sie haben in den letzten Jahren einen ungeheuren Aufschwung in der Diskussion erlebt“, sagt er. 

„Mikrokredite sollen Start-ups helfen, die ersten Schritte in die Selbstständigkeit zu gehen.“

Peter Sprinkart
Kulturwissenschaftler

Not leidende Bauern im Westerwald

Mit Yunus sei ein Kreditmodell wieder ins Bewusstsein gekommen, das Raiffeisen schuf, um die Not in der Landwirtschaft im Westerwald und im benachbarten Rheinland zu lindern. Mit der Gründung von lokalen Hilfsvereinen und Banken, zum Beispiel der Rheinischen Landwirtschaftlichen Genossenschaftsbank im Jahr 1872, wollte der Sozialreformer Landwirten mit Kleinkrediten den Einkauf von Saatgut und Düngemitteln ermöglichen.

Die Summen waren beschränkt und auch die Zinsen gemäßigt. Yunus`Kredite folgten dem Vorbild. Kredite in Höhe von wenigen Hundert Euro vergab er vor allem an Frauen und war überrascht, wie erfolgreich sie das Geld einsetzten. Sein Zinssatz lag bei etwa 20 Prozent – was Kritiker auf den Plan rief. Aber offenbar lag seine Forderung noch weit unter dem, was lokale Geldverleiher in dem Land sonst nahmen. „Häufig hatten Menschen, denen Yunus Geld lieh, auch gar keinen Zugang zu Krediten, weil sie nichts besaßen“, sagt Sprinkart.


Kindergärten und Pflegedienste haben profitiert

In Deutschland sind die Summen, die bei Mikrokrediten vergeben werden, größer. Sie liegen etwa im fünfstelligen Bereich. „Sie sollen Start-ups helfen, die ersten Schritte in die Selbstständigkeit zu gehen“, sagt Sprinkart. 

Mikrokedite hätten in den vergangenen Jahren vor allem zum Unternehmertum im Sozialbereich einen wichtigen Beitrag geleistet. „Sie haben den Aufbau von kleinen Initiativen wie Pflegediensten, Kindergärten oder Kindertagesstätten ermöglicht, die auf privater Basis finanziert wurden“, sagt er. Diese bildeten eine wichtige Alternative zu den großen Sozialverbänden. 

Häufig vergäben Genossenschaftsbanken Mikrokredite, sagt Sprinkart. Sie verfolgten generell eine Art Banking, die sich grundlegend von der der Großbanken unterscheide. „Sie orientieren sich an den lokalen Wirtschaftskreisläufen und an der Realität. Das ist etwas, was wir ganz stark brauchen“, sagt er.