taz-genossenschaft | 200 Jahre Raiffeisen

Die Region fördern, nachhaltig leben

„Unabhängiger Journalismus und Genossenschaften passen gut zusammen“

Als die taz kurz vor der Pleite steht, gründen 3.000 Leserinnen und Leser eine Genossenschaft und sichern damit ihren Fortbestand.

Ende der 1970er Jahre ist die Medienlandschaft in Deutschland festgefahren. Etablierte Zeitungen dominieren seit der Gründung der Bundesrepublik das Geschäft, Neugründungen gibt es kaum. Eine Gruppe um den späteren Bundestagsabgeordneten der Grünen, Hans-Christian Ströbele, möchte dies ändern und eine Alternative zu den bisherigen bürgerlichen Zeitungen schaffen. Die Gruppe gründet ein linkes Tagesblatt, frei und unabhängig von Verlags- und Politikerinteressen. Zielgruppe sollen junge Studentinnen und Studenten, die grüne Bewegung und Linksliberale sein. Ab April 1979 erscheint das Blatt täglich. Möglich ist dies nur durch die Solidarität von 7.000 Abonnentinnen und Abonnenten, die bereits im Voraus ihr Jahresabo bezahlt hatten. Die Startauflage liegt bei 63.000 Exemplaren. Für junge Journalistinnen und Journalisten ist die taz attraktiv: Alle erhalten den gleichen Lohn und werden gleich behandelt.

 

Bei der taz wird unabhängiger Journalismus genossenschaftlich gesichert – und das seit 26 Jahren!
Foto: Redaktionsbüro Raiffeisen-Jahr
„Es gibt kleine Pflänzchen weltweit, die sich genossenschaftlich organisieren“, Konny Gellenbeck, Leiterin taz.genossenschaft
Foto: Barbara Deetl

Genossenschaftsgründung als letzte Rettung

In den folgenden Jahren läuft es gut: Die Leserinnen- und Abonnementzahlen steigen, mehrere Regionalausgaben werden gegründet und die taz etabliert sich als linkes Medium für Politik, Wirtschaft und Kultur. Aber es gibt ein Problem: die Finanzierung. Ohne Verlag und größtenteils ohne Anzeigen ist die Leserschaft das einzige Kapital. Als im November 1991 die finanzielle Förderung für Unternehmen in Westberlin wegfällt, steht die taz kurz vor dem Aus. Um die Pleite abzuwenden, stehen die Redakteurinnen und Redakteure der Zeitung vor einer schwierigen Entscheidung: „Entweder an einen Verleger oder Investor verkaufen oder ein Modell finden, in dem die Unabhängigkeit erhalten bleibt“, so Konny Gellenbeck, Leiterin des taz.genossenschaft-Teams.

Warum also nicht eine Genossenschaft gründen, die wirtschaftlichen Erfolg mit demokratischer Mitwirkung und sozialem Engagement ermöglicht? „Die Idee gab es bereits bei der Gründung in den 70ern. Damals fand sich jedoch kein Genossenschaftsverband, der die taz prüfen wollte“, erinnert sich Gellenbeck. 1991 ist es dann der heutige Hamburger Bürgermeister Olaf Scholz (SPD), damals Syndikus des Zentralverbandes deutscher Konsumgenossenschaften, der den Anstoß zur Genossenschaftsgründung gibt.

Entscheiden sollen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Nach langen Diskussionen setzen sich die Genossenschafts-Befürworterinnen und -Befürworter durch: Die taz.genossenschaft wird 1992 neue Eigentümerin. Innerhalb von drei Monaten werden rund 3.000 Genossenschafterinnen und Genossenschafter gewonnen, die das nötige Startkapital von drei Millionen DM als Beiträge einbringen.

Zwei Arten von Genossenschaftsmitgliedern

Im kommenden Jahr feiert die taz nun ihren 40. Geburtstag. Sie hat heute einen festen Platz in der deutschen Zeitungslandschaft und erreicht täglich mehr als 213.000 Leserinnen und Leser. Möglich gemacht wird das durch die mehr als 17.600 Genossenschafterinnen und Genossenschafter, deren Geld beispielsweise für neue Redaktionssysteme und die Blattentwicklung eingesetzt wird.

Wie in allen Genossenschaften üblich, gilt auch bei der taz.genossenschaft: Jedes Mitglied hat eine Stimme, egal wie viele Anteile es hat. Allerdings gibt es zwei Arten von Mitgliedern: Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die die redaktionelle Ausrichtung vorgeben und den Vorstand wählen. Und es gibt die Mitglieder von außen, die den Aufsichtsrat wählen, jedoch keinen Einfluss auf die Inhalte der Zeitung haben. Das ist nicht immer leicht, weiß Gellenbeck zu berichten: „Es gibt immer wieder Genossen, die sich über Inhalte ärgern und drohen, ihre Anteile zu kündigen. Aber freier Journalismus heißt eben, dass sich die Redaktion die Inhalte nicht diktieren lässt – von keiner Seite.“

„Freier Journalismus heißt eben, dass sich die Redaktion die Inhalte nicht diktieren lässt – von keiner Seite.“

Konny Gellenbeck
Leiterin der taz.genossenschaft

Inzwischen gibt es viele kleine Mediengenossenschaften weltweit

„Die Entscheidung, eine Genossenschaft zu gründen war die absolut richtige. Für uns ist das Genossenschaftsmodell ein Erfolgsmodell“, sagt Gellenbeck. „Unabhängiger Journalismus und Genossenschaften passen gut zusammen.“ Jedoch sei das Modell nicht für alle Medienunternehmen geeignet: „Dafür müssten sich die großen Unternehmen zu sehr umstellen. Allerdings gibt es kleine Pflänzchen weltweit, die sich genossenschaftlich organisieren.“

Diese „kleinen Pflänzchen“ konnten in der Vergangenheit auch von der Solidarität der taz-Genossinen und -Genossen profitieren: Zum 20. Geburtstag der taz.genossenschaft wurde 2012 die Aktion „Hand in Hand“ ins Leben gerufen und zu Spenden für vier internationale Mediengenossenschaften aufgerufen. Dabei sind 74.000 Euro für die „la diaria“ aus Uruguay, „Fria Tidningen“ aus Schweden, „Kulturni noviny“ aus Tschechien und „BirGün“ aus der Türkei zusammengekommen. Die Genossenschaftsidee lebt – auch in der Medienbranche.