Dorfladen | 200 Jahre Raiffeisen

Die Region fördern, nachhaltig leben

Ein Stück Lebensqualität

„Einkaufen, wo ich zu Hause bin“ heißt das Motto des Projektes „Unser Dorfladen“ in Grambow (Mecklenburg-Vorpommern). Genossenschaftlich geführt, hat sich der Laden zum Mittelpunkt des Dorfes entwickelt.

Was macht ein Dorf lebenswert? Ein Zentrum, an dem man sich begegnet, um kurz ein wenig zu plauschen. Ein Ort, der die Dinge des täglichen Bedarfs vorhält: Brot, Eier, frisches Obst, Kartoffeln, Nudeln, auch Süßigkeiten, Bier und Zigaretten. Kurzum: ein Tante-Emma-Laden. Den wünschten sich die Einwohner von Grambow vor einigen Jahren, als sie im Rahmen eines Kunstprojekts gefragt wurden, was ihrer Gemeinde fehlt. Damals entstand die Idee, gemeinsam einen Dorfladen zu eröffnen.
 

Zauberhaft ruhige Lage

Grambow ist ein Örtchen in der Nähe von Schwerin. 688 Einwohner genießen die zauberhaft ruhige Lage im nordwestlichen Teil Mecklenburg-Vorpommerns, viele pendeln zur Arbeit in die Landeshauptstadt, nur zehn Autominuten entfernt. Die Kinder werden in die Schulen nach Brüsewitz oder Gadebusch kutschiert – jenseits des Schülertransportes sieht es allerdings mit öffentlicher Verkehrsanbindung schlecht aus. Mit dem Bus nach Schwerin zu gelangen, ist ein logistisches Kunststück und verlangt vor allem ein großes Zeitbudget: zwei Stunden für die Hin- und Rückfahrt, langes Warten beim Umsteigen inklusive.

„Wir haben aus unseren Fehlern gelernt.“

Chris Besenhard
Vorstandsmitglied „Unser Dorfladen“ Grambow eG
Chris Besenhard packt regelmäßig im Dorfladen mit an.
Fotos: Marion Hunger-Doll
Silvia Wegener (l.) schätzt vor allem den Kontakt zu den Kunden.

Unternehmerisches Risiko

Vor diesem Hintergrund entstand der Wunsch nach einem Dorfladen, zumal nicht alle Einwohner über ein Auto verfügen. Schon 1994 hatte der örtliche „Konsum“ aufgegeben. Er konnte der Konkurrenz der Discounter, Supermärkte und Einkaufszentren rund um Schwerin nicht standhalten. „Es war also klar, dass wir kaum jemanden finden würden, der allein dieses unternehmerische Wagnis eingehen würde, unseren Ort mit einem Laden zu beglücken“, erzählt Chris Besenhard, Vorstandsmitglied der eingetragenen Genossenschaft „Unser Dorfladen“. Der Förderverein von Grambow spielte verschiedene Optionen durch und entschied sich für das Genossenschaftsmodell.
 

Zeitintensives Ehrenamt

Zwischen Idee und Eröffnung im Oktober 2014 vergingen dann allerdings noch vier Jahre. „Wir sind enthusiastisch gestartet, mussten dann allerdings starke Nerven beweisen, denn wir hatten viele Hürden zu überwinden. Und schließlich haben wir aus unseren Fehlern gelernt“, erinnert sich Chris Besenhard an die Gründungsphase. Euphorisch waren sie, als der Förderverein noch Fördermittel beantragen und die Robert Bosch Stiftung überzeugen konnte, sodass eine Förderung von 50.000 Euro erfolgte. Stressig wurde es dann, als nach der Gründung der Genossenschaft zeitweilig die Gemeinnützigkeit des Fördervereins aberkannt wurde. Ernüchterung trat auch ein, als es Schwierigkeiten mit dem Personal gab. Der Vorstand musste lernen, mit einer Stimme zu sprechen und Verantwortlichkeiten klar zu regeln. „Zudem hatten wir absolut unterschätzt, wie viel Zeit uns dieses Ehrenamt abverlangt“, sagt Chris Besenhard. Das Vorstandsteam arbeitet ja in regulären Berufen, Besenhard zum Beispiel ist Lehrer.

 

Zuversichtlicher Blick in die Zukunft

Nach einem wirtschaftlich schwierigen Jahr 2015 blickt die Genossenschaft heute zuversichtlich in die Zukunft. Die Genossenschaft hat 56 Mitglieder, die den Anteil von 200 Euro bezahlt haben. „Unser Dorfladen“ verkauft frische regionale Waren, die gut von der Kundschaft angenommen werden. Die Äpfel kommen ebenso von umliegenden Betrieben wie die Eier und bald auch der Spargel. Ein Biobauer aus dem Ort liefert in der Saison Tomaten und Gurken aus heimischer Erde. Ein Jäger aus dem Nachbarort liefert Wildschweinsalami, Rehrücken und Wildbockwürste.

Es gibt eine zuverlässige, fest angestellte Verkäuferin und einen Schüler, der auf 450-Euro-Basis arbeitet. Momentan läuft eine Anfrage im Job-Center, um eine weitere 20-Stunden-Kraft zu finden. Außerdem packen die Mitglieder der Genossenschaft mit an. So wie Silvia Wegener. Die Vorruheständlerin arbeitet immer montags, räumt Ware ein, verkauft neben Lebensmitteln auch Briefmarken und nimmt Pakete an. „Die Stunden hier vergehen schnell, es gibt immer was zu tun“, sagt sie. Was sie vor allem schätzt: den Plausch mit den Dorfbewohnern, von denen sich einige nach dem Einkauf einen Kaffee am Klöntisch gönnen. „Man hat hier ein bisschen mehr Zeit und es ist nicht so anonym wie in der Stadt“, sagt Silvia Wegener. „Unser Laden ist ein Stück Lebensqualität.“