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„Klein genug, um zu überleben. Groß genug, um schlagkräftig zu sein“

Ende 2016 hat der renommierte Schweizer Journalist Constantin Seibt seinen Arbeitsvertrag beim Tages-Anzeiger gekündigt, um u. a. mit dem Journalisten Christof Moser von der Schweiz am Sonntag ein Medien-Start-up vorzubereiten. Ihr Ziel: Eine „kleine Rebellion im Journalismus“. Die Crowdfunding-Aktion für das Online-Magazin „Republik“ brach dann im April 2017 alle Rekorde: Noch nie wurde so viel Geld für ein Medienprojekt eingesammelt.

Herr Seibt, wann wird die erste Ausgabe der „Republik“ erscheinen?

Voraussichtlich Mitte Januar 2018.

Wie wird sie sich von anderen Angeboten in der Medienlandschaft unterscheiden?

Wir sehen unsere Aufgabe darin, nicht unbedingt den ersten Artikel zu einem Thema zu schreiben, sondern den, der im Gedächtnis bleibt – den definitiven Artikel, der die Leser ins Herz trifft. Und deshalb werden wir mehr Zeit, mehr Mühe und mehr Sorgfalt auf einzelne Artikel verwenden als andere Medien.

Und wir haben ein ganz anders Verhältnis zu den Lesern: Diese sind bei uns als Verleger mit in der Verantwortung. Das heißt: Sie kriegen klare Informationen über alles Entscheidende aus der Redaktion: was wir warum und wie tun, was gut, was schief gelaufen ist. Und sie können wie alle Verleger Vorschläge machen. Denen werden wir zwar nicht unbedingt folgen. Aber damit teilen unsere Verleger nur das Schicksal aller Verleger auf diesem Planeten.

Was hat Sie zu dieser Gründung bewogen?

In der Schweiz steigen die großen Verlage aus dem Journalismus aus. Der größte Verlag Tamedia hat gerade sämtliche Tageszeitungen zu einer zentralen Redaktion zusammengeführt, aus der dann die einzelnen 14 Titel abgefüllt werden. Beim zweitgrößten Verlag Ringier hat der CEO soeben erklärt, dass er nicht davon ausgeht, dass Journalismus für den Konzern prägend bleiben wird. Das heißt, die großen Verlage bauen sich in Internetwarenhäuser um: in Portale für Hundefutter, Autos, Immobilen, Jobs, Partnerschaftsvermittlung. Für uns als Journalisten stellte sich die Frage: Will man als Klavierspieler auf der Titanic bleiben? Oder gründet man was Neues? Wir haben uns für die zweite Variante entschieden.

Wie weit sind Sie?

Wir haben vor dreieinhalb Jahren begonnen. Und lange am Plan herumgeschraubt. Weil es gar nicht einfach ist, ein Modell zu entwerfen, das klein genug ist, um zu überleben, aber groß genug, um schlagkräftig zu sein. Dann haben wir Geldgeber gesucht. Ein Crowdfunding gemacht. Jetzt sind wir daran, die IT aufzubauen, Personal einzustellen, die Strukturen der Redaktion zu entwickeln, die ersten Artikel zu recherchieren.

„Wir wollen etwas für die Institution des Journalismus tun. Da ist die Genossenschaft das logische, schlankste und passendste Modell.“

Constantin Seibt
Mitbegründer des Online-Magazins „Republik“
Constantin Seibt ist Mitbegründer des digitalen Magazins „Republik“.
Foto: Thomas Burda
Gemeinsam mit vielen Mitmachern entwickelt die Crew jetzt das digitale Magazin „Republik“.
Foto: Laurent Burst

Sie haben den Crowdfunding-Weltrekord im Medienbereich gebrochen. Worin liegt die Ursache für diesen Erfolg?

Die Medienkrise ist in den Köpfen der Bevölkerung angekommen und man weiß, dass man eine vierte Gewalt braucht. Dass derzeit Trump, Erdogan und Putin die Schlagzeilen machen, hat sicherlich auch geholfen. Plötzlich sind Themen wieder aktuell, die vorher Selbstverständlichkeit waren: Rechtsstaat, Grundrechte, Demokratie, Pressefreiheit.

Unser Finanzierungsmodell lief wie folgt. Wir haben den Investoren gesagt: „Wir versuchen, dieses Medium zu gründen, wir sind vom Businessplan überzeugt, aber wir sind ehrliche Leute: Wir können nicht im Geringsten vorhersagen, ob es einen Markt gibt. Wir wollen nicht, dass Sie in etwas Chancenloses investieren. Deshalb schlagen wir vor, dass wir alle Investitionen an einen echten Markttest koppeln: Den Erfolg bei einem ehrgeizigen Crowdfunding.“

Und wie hat das konkret ausgesehen?

Die Investoren sagten 3,5 Millionen Franken (rd. 3 Mio Euro) zu. Aber nur unter der Bedingung, dass mindestens 3000 Abonnenten 750.000 Franken (ca. 650.000 Euro) zahlten. Das erschien uns als harte Bedingung. Andererseits boten wir den Leuten beim Crowdfunding mehr als nur eine Idee: einen vorfinanzierten Plan. Und das klappt. Schon am Starttag waren die 3000 Leute und 750000 Franken nach acht Stunden zusammen: Am Ende hatten wir 14.000 Abonnenten mit 3,4 Millionen.

Sie sind genossenschaftlich organisiert. Warum?

Wir haben ja zwei Firmen, die Genossenschaft und eine AG. Die AG ist das Magazin, die Genossenschaft umfasst all die gemeinnützigen Teile des Unternehmens, also die IT, die alle Software Open Source veröffentlicht, brauchbar auch für andere Projekte. Dazu kommen Veranstaltungen und die Ausbildungsabteilung für junge Journalisten. Wir haben zwei Firmenformen, weil wir zwei Aufgaben haben. Erstens: Wir müssen ein Magazin machen, das überzeugt und auf dem Markt Erfolg hat. Zweitens: Wir wollen etwas für die Institution des Journalismus tun. Und wenn man etwas für so eine Institution tun will, dann ist die Genossenschaft das logische, schlankste und passendste Modell.

Warum stellen Sie die Software anderen Redaktionen zur Verfügung?

Es erscheint uns sinnlos, wenn journalistische Projekte dasselbe zwei Mal tun wollen. Also werden wir unser Redaktionssystem so veröffentlichen, dass andere es nachbauen können. Und wir haben auch den Code unserer Crowdfunding-Seite veröffentlicht. Das aus zwei Gründen. Erstens: Wenn jemand dieselben Programme nützt, werden diese auch getestet und weiterentwickelt. Zweitens: Wir glauben nicht, dass wir die einzige Wahrheit und Möglichkeit sind. Für eine lebendige Medienlandschaft wird es neben uns noch weitere ähnliche Projekte brauchen. Und die sollen für die IT nicht so viel Geld ausgeben wie wir. Das ist der gemeinnützige und gemeinschaftliche Gedanke dahinter.