Ostwestfalen-Power | 200 Jahre Raiffeisen

Versorgung sichern, Akzeptanz stärken

Ostwestfalen-Power

Die Energiegenossenschaft Paderborner Land betreibt zwei Windkraft- und mehrere Photovoltaik-Anlagen in der Region. Diese produzieren nicht nur Strom. Sie haben die Beteiligten auch näher zusammengebracht.

Ein lockeres Gespräch, fast eine Plauderei stand am Anfang dieser Genossenschaft, die heute über ein Anlagevermögen von mehr als 12 Millionen Euro verfügt und jährlich einen Überschuss von rund 100.000 Euro abwirft. Heinz Sonntag war an diesem Gespräch vor neun Jahren beteiligt und der damalige Bürgermeister der kleinen Stadt Lichtenau in Ostwestfalen, Karl-Heinz Wange. Letzterer hatte die Vision, aus dem 10.000 Einwohner-Ort eine „Energiestadt“ zu machen. „Jeder sollte sich an der Energiewende beteiligen können“, sagt Sonntag.

Der heute 68-jährige Sonntag war zu dieser Zeit Vorstand der Volksbank Brilon-Büren-Salzkotten. Die beiden Männer kannten sich seit vielen Jahren. Ihnen gefiel die Idee, eine Energiegenossenschaft für jedermann zu gründen. „Hausbesitzer können eine Photovoltaikanlage aufs Dach bauen, doch was machen Mieter?“, sagt Sonntag, ein bodenständiger Typ, der das „r“ rollt, wie es in der Gegend üblich ist.

Zwei Optionen standen zur Wahl

Eine Energiegenossenschaft würde dazu beitragen, den Gedanken von umweltfreundlich produzierter Energie in die Bevölkerung zu tragen. Davon waren beide überzeugt.

Doch war es realistisch, das Projekt als einzelne Volksbank im ländlichen Raum zu stemmen? Als unternehmerisch denkender Banker war Sonntag zwar kein Energie-Experte, aber eins war auch klar: „Die Genossenschaft sollte ökologisch, aber auch ökonomisch sein“.

Sonntag ging mit sich ins Gericht: „Entweder die Genossenschaft im Wettbewerb mit den Volksbanken der Umgebung allein durchziehen, oder die Kräfte bündeln – das waren die beiden Optionen“, sagt er. Noch nie hatten die örtlichen Volksbanken in einem Projekt zusammengearbeitet. Sie warben alle um Kunden und besonders die größere Volksbank Paderborn stellte einen starken Mitbewerber dar – auch mit einer Filiale in Lichtenau.

Doch Sonntag setzte auf die Vorteile der Kooperation und entschied, das zukunftsweisende Projekt gemeinsam zu realisieren. Drei Volksbankchefs, ein Vertreter der Kreishandwerkerschaft, die Bürgermeister aus Lichtenau und Salzkotten, ein Vertreter des Landwirtschaftsverbands sowie ein Unternehmer zählten 2009 zu den Gründungsmitgliedern. Die gesammelte Power der Region. Das zahlte sich aus.

„Das Wichtigste ist das Vertrauen, das die Menschen in eine Genossenschaft haben“, sagt Sonntag. Mit den Volksbanken im Rücken zog die neue Energiegenossenschaft die Mitglieder geradezu an. 500 Euro beträgt ein Anteil, fünf Anteile dürfen von Neumitgliedern maximal erworben werden. Mittlerweile liegt die Mitgliederzahl knapp unter 700.

Neuaufnahmen nur bei neuen Projekten

Nur wenn neue Projekte angegangen werden, gibt es wieder Aufnahmen. Neben den Beiträgen der Genossenschaftler liefern die Banken Geld. „Wir arbeiten mit 15 Prozent Eigenkapital und 85 Prozent Fremdkapital“, sagt Sonntag. In Zeiten niedriger Zinsen ist das der wirtschaftlichste Weg.

Eine Schule nach der anderen erhielt seit der Gründung ein Photovoltaik-Dach. Sogar ein Solarpark wurde in Bielefeld-Beukenhorst erworben. Rund 6 Megawatt Strom produzieren die insgesamt 12 Anlagen. Sonntag, der heute zusammen mit Hartmut Lüther, dem Vorstand der Volksbank Elsen-Borchen-Wewer, Vorstand der Genossenschaft ist, lernte mit jedem Projekt dazu. Jeder Partner brachte Wissen und Genossenschaftler mit – die Kooperation funktionierte reibungslos.

„Das Wichtigste ist das Vertrauen, das die Menschen in eine Genossenschaft haben.“

Heinz Sonntag
Vorstand der Energiegenossenschaft Paderborner Land
Rund 6 Megawatt Strom produzieren 12 Anlagen in einem Solarpark in Bielefeld-Beukenhorst.
Fotos: Volksbank Brilon-Büren-Salzkotten eG
Auch öffentliche Einrichtungen wie Schulen und ein Kindergarten erhielten ein Photovoltaik-Dach.

Frischer Wind wird zu Strom

2015 beschloss die Genossenschaft, dass es Zeit war größer und stärker zu werden. „Es ging darum, unsere Investition auf ein breiteres Fundament zu stellen“, sagt Sonntag.

Der frische Wind aus Ostwestfalen sollte zu Strom werden. Windkraftpioniere hatten bereits zahlreiche Anlagen rund um die Gemeinde Lichtenau errichtet. Bei zweien stieg die Genossenschaft ein und betreibt dort jetzt jeweils ein Windrad.

„Das Investitionsvolumen bei Windkraft ist ungemein größer als bei Photovoltaik“, sagt Sonntag. Es beträgt zwischen 4,5 und 5 Millionen Euro pro Anlage, berichtet er. Hinzu kommt, dass zahlreiche Auflagen beachtet werden müssen: bauordnungsrechtliche Vorgaben, Regelungen zu Naturschutz, Schallschutz, Schattenwurf, Eisabwurf. Sich einzuarbeiten war für Sonntag und Lüther eine Herausforderung, die sie ohne die Unterstützung von Andreas Lahme, Leiter des Kompetenzzentrums Windkraft, Energiegenossenschaft und Photovoltaik der Volksbank Paderborn nicht bewältigt hätten.

Schwarzstörche legen die Anlage lahm

Heute drehen sich die Räder und es muss nur schön windig sein, damit der Strom in die Netze surrt. „2016 war kein gutes Windjahr und 2017 lag ebenfalls unterm Durchschnitt – wenn auch etwas weniger“, sagt Sonntag, der mittlerweile selbst Experte in erneuerbaren Energien ist. Ziel der Genossenschaft ist es, drei Prozent Dividende auszuzahlen. Ein Prozentsatz, der bisher immer überschritten wurde. Sonntag ist ein Fuchs. Lieber übertrifft er die Erwartungen der Mitglieder, als sie zu unterschreiten.

Doch er will auch realistisch sein: „Eine Beteiligung an der Genossenschaft ist mit gewissen Risiken verbunden. Das muss man im Blick behalten“, sagt er. Ein unvorhergesehenes Ereignis ist kürzlich eingetreten. Im Umfeld eines Windparks in Lichtenau ist ein Schwarzstorch-Brutpaar aufgetaucht.

Während der Brutzeit und der Aufzucht der Jungvögel musste die Anlage zeitweise abgeschaltet werden. „Jetzt werden drei Futterteiche an anderer Stelle angelegt. Wir hoffen, dass die Tiere umziehen“, sagt Sonntag und lächelt. Probleme müssen gelöst werden. Gemeinsam mit den anderen Genossenschaftlern wird das schon klappen.