Bürgerwerke eG | 200 Jahre Raiffeisen

Versorgung sichern, Akzeptanz stärken

Die Bürgerwerke liefern erneuerbaren Strom und teilen Wissen

Sie zapfen die Sonne und den Wind an und bringen diese Energie zu den Bürgern: Mehr als 70 Energiegenossenschaften im gesamten Bundesgebiet haben sich in einer Dachgenossenschaft zusammengeschlossen: den Bürgerwerken. Die liefern den Strom, den ihre Mitglieder produzieren, direkt an die Verbraucher.

„Die Idee war, dass die Genossenschaften und ihre Mitglieder den Strom nicht nur erzeugen und dann ins Netz einspeisen, sondern direkt selbst verbrauchen“, schildert Laura Zöckler, Sprecherin der Bürgerwerke, die Gründungsidee. Das war 2013. Damals startete die Genossenschaft mit neun Mitgliedern. Heute sind es mehr als 70 Mitgliedsgenossenschaften – die wiederum für 12.000 Bürgerinnen und Bürger stehen. Diese betreiben gemeinsam rund 400 dezentrale Kraftwerke, von Windkraftanlagen im Kinzigtal über Solaranlagen in der Nähe von Freiburg bis zu geplanten Microströmungsturbinen im Rhein.

Jeder Verbraucher und jede Verbraucherin in Deutschland kann Bürgerwerke-Kunde oder -Kundin werden. „Wenn ich neben einem Kohlekraftwerk wohne, kommt rein physikalisch gesehen zwar dieser Strom bei mir zu Hause an. Relevant ist aber, wo das Geld hinfließt, das ich für den Strom zahle. Und bei den Bürgerwerken fließt es zu 100 Prozent in neue Energiewende-Projekte“, erklärt Laura Zöckler.

Atomkraft? Nein Danke!

Denn die Bürgerwerke nehmen nur solche Genossenschaften auf, die in keinerlei Verbindung zu Kohle- oder Atomkonzernen stehen. Der Aufnahmeprozess ist deshalb teilweise recht langwierig. „Wer Mitglied werden will, muss zuerst unser Konzept verstehen und wissen, was er von dieser Mitgliedschaft hat. Da stehen wir eng in Kontakt. Während dieses Prozesses merken beide Seiten, ob es passt, ob wir die gleichen Ziele verfolgen. Nur dann kommt eine Kooperation zustande“, so Zöckler. Offenbar passt es ziemlich oft, denn derzeit wachsen die Bürgerwerke pro Monat um rund zwei Mitgliedsgenossenschaften. Sie beliefern inzwischen mehrere Tausend Haushalte und Unternehmen in ganz Deutschland.

Weil die Gründungsmitglieder aus Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz kamen, haben die Bürgerwerke immer noch im Südwesten Deutschlands einen Schwerpunkt. Ihr Sitz ist in Heidelberg, wo inzwischen 15 hauptamtlich Beschäftigte dafür sorgen, dass der grüne Bürgerstrom Licht und Wärme in die Haushalte bringt. Prinzipiell können aber Energiegenossenschaften aus jedem Winkel Deutschlands Mitglied werden.

Der Preis für den Strom ist übrigens an die Tarife der jeweiligen Region angepasst, oft sogar unter dem Tarif der örtlichen Stadtwerke. „Natürlich spielt der Preis immer eine Rolle, allerdings bei vielen unserer Kunden nicht die wichtigste. Sie legen Wert auf den Umwelt- und Klimaschutzgedanken“, beschreibt Laura Zöckler. Klar, sind doch viele der Bürgerwerke-Kunden selbst Stromerzeuger in einer der Mitgliedsgenossenschaften. Und weil viele von ihnen im Beruf oder im Ehrenamt vernetzt sind, Firmen haben oder vielleicht Bürgermeister oder Bürgermeisterin sind, haben die Bürgerwerke zahlreiche Unternehmen und Kommunen als Kunden. „Diesen Part wollen wir verstärkt ausbauen“, sagt Zöckler.

„Als Zusammenschluss können wir sehr gut Geschäftsmodelle und erfolgreiche Projekte in die Breite bringen, indem wir das Wissen unter unseren Mitgliedern weitergeben.“

Laura Zöckler
Sprecherin der Bürgerwerke eG
Starke Gemeinschaft: Generalversammlung der Bürgerwerke 2016.
Bürgerwerke eG
Die machen ganz schön viel Wind: Mitglieder der Energiegenossenschaft Starkenburg vor ihrem Bürgerwindrad.
Bürgerwerke eG

„Eine Struktur für den Wissenstransfer“

Überhaupt ist der Netzwerkgedanke neben dem Umweltschutz eine treibende Kraft bei den Bürgerwerken. „Als Zusammenschluss können wir sehr gut Geschäftsmodelle und erfolgreiche Projekte in die Breite bringen, indem wir das Wissen unter unseren Mitgliedern weitergeben“, schildert die Bürgerwerke-Sprecherin. So betreibt eine Usedomer Genossenschaft Ladesäulen für Elektroautos. Von ihren Erfahrungen können andere Mitgliedsgenossenschaften profitieren. Mieterstromprojekte sind ein anderes Beispiel für Modelle, die Genossenschaften entwickelt haben und die andere übernehmen oder weiterentwickeln können, ohne bei null anzufangen. „Theoretisch kann natürlich jede Genossenschaft einer anderen Genossenschaft Wissen weitergeben. Aber wir haben eine dauerhafte Struktur für solchen Wissenstransfer aufgebaut“, so Zöckler.

Ein weiterer Vorteil der großen Gemeinschaft: Mit mehr als 70 Genossenschaften im Rücken können die Bürgerwerke anderen Organisationen gegenüber stärker auftreten, als es ihre Mitglieder alleine könnten. Und davon profitieren alle: So haben die Bürgerwerke beim Autobauer Renault Rabatte für Elektroautos ausgehandelt und Rahmenverträge mit IT-Firmen.

Das Hauptziel der Bürgerwerke aber bleibt auch für die Zukunft: „Eine umweltverträgliche, dezentrale und unabhängige Energieversorgung.“ Bei steigenden Nutzerzahlen, wenn es nach Laura Zöckler geht.