Die Weiberwirtschaft | 200 Jahre Raiffeisen

„Klotzen, statt kleckern!“

„Klotzen, statt kleckern!“

30 Jahre nach ihrer Gründung als Verein ist die WeiberWirstschaft eG das größte Gründerinnenzentrum Europas. Dr. Katja von der Bey, Vorstand und Geschäftsführerin, über Genossinnen, Geschäfte und Größe.

Frau von der Bey, warum bedarf es einer Einrichtung, die auf Frauen als Gründerinnen spezialisiert ist?

Frauen haben es deutlich schwerer, sich selbstständig zu machen, als Männer. Es sind andere Branchen, in denen Frauen Berufe ergreifen und sich selbstständig machen. Sie haben weniger Eigenkapital, auch weil sie mehr familienbedingte Pausen in der Erwerbstätigkeit machen, und weniger Zugang zu Finanzmitteln insgesamt. Deshalb gründen sie kleiner.

Wie unterscheidet sich ein Gründerinnenzentrum, das sich eben auf Frauen spezialisiert hat, von anderen?

Während unserer Gründung entstanden viele Technologiezentren auf der grünen Wiese, wo es schwierig ist, nebenher mal Kinder von A nach B zu bringen oder einzukaufen. Das ist heute ein bisschen anders, aber da waren wir die ersten, die gesagt haben: Das muss mitten in der Stadt liegen. Wir haben außerdem kleine Büroräume – das hatte damals kaum ein Gründerzentrum. Frauen gründen kleinere Unternehmen und bei uns gibt es Flächen ab 14 m² zu mieten. Und das dritte ist die Infrastruktur. Wir haben z. B. von Beginn an hier eine eigene Kindertagesstätte geplant. Heute gibt es das in vielen anderen Gründerzentren. Damals war es undenkbar, dass Menschen in der gleichen Lebensphase ein Unternehmen und eine Familie gründen.

 

Dr. Katja von der Bey ist Vorstand und Geschäftsführerin der größten Frauengenossenschaft Europas.
Foto: Die Hoffotografen
Katja von der Bey (links) ist von Anfang an bei der WeiberWirtschaft dabei.
Foto: Miriam Tamayo

Wie kam es denn zu der WeiberWirtschaft?

Die Idee ist an der Freien Universität 1985 in West-Berlin entstanden. Damals haben Soziologinnen eine Studie über Gründerinnen in West-Berlin verfasst und ein Gründerinnenzentrum nach dem Modell der Technologie- und Gründerzentren der Kommunen nur für Frauen empfohlen. Der Senat wollte das dann aber nicht umsetzen, dafür hatten die kein Geld übrig. Dann haben die Frauen einen Verein gegründet, und daraus ist die Genossenschaft hervorgegangen. Die größte Herausforderung war, diese Immobilie für 18,6 Millionen Euro zu finanzieren.

„Wir sind erfolgreich, weil wir den Bedarf antizipieren konnten durch den Dialog mit unseren Genossenschaftsmitgliedern, den Gründerinnen und Unternehmerinnen.“

Dr. Katja von der Bey
Vorstand und Geschäftsführerin WeiberWirtschaft eG

Warum haben Sie die Genossenschaft als Rechtsform gewählt?

Das war für uns die einzige gangbare Rechtsform, weil sie Demokratie mit Investment verknüpft. Wir haben früh eine Art Crowdfunding gestartet. Der Genossenschaftsanteil lag bei nur 200 Mark, heute umgerechnet 103 Euro, sodass das viele machen können. Jede Frau, die hier ein Unternehmen gründet, ist gleichzeitig durch die Mitgliedschaft in der Genossenschaft Miteigentümerin und hat Mitbestimmungsrechte. Sie hat eine große Verantwortung für das Gelingen der gesamten Sache und engagiert sich in der Regel auch für die Gründerinnen, die nach ihr kommen. Es gibt Frauen, die waren vor Jahren Mentees und hatten eine Mentorin zur Seite. Heute sind sie selbst erfahrene Unternehmerinnen und ehrenamtliche Mentorinnen für die nächste Generation.

 

65 Firmen auf 7000qm zählt das Gründerinnenzentrum WeiberWirtschaft. 
Foto: Heidi Scherm

Heute ist die WeiberWirtschaft das größte Gründerinnenzentrum Europas. Wie erklären Sie sich den Erfolg?

Wir haben ungefähr 1991 diese Immobilie ins Auge gefasst, also war das damals schon genau so groß angelegt, wie das jetzt auch ist. Wir haben hier 7000m² Nutzfläche und 65 Unternehmen. Man braucht mit so einem Vorhaben eine bestimmte Mindestgröße, damit das wirtschaftlich funktionieren kann. Wir haben uns aber gleichzeitig gesagt: Wenn wir das nicht groß machen, dann nimmt das keiner ernst. Und das war die Strategie „Lieber ein bisschen klotzen statt zu kleckern“, und die ist für uns auch aufgegangen. Die WeiberWirtschaft ist aber auch deshalb erfolgreich, weil wir den Bedarf antizipieren konnten durch den Dialog mit unseren Genossenschaftsmitgliedern, den Gründerinnen und Unternehmerinnen. Wir wussten genau, was die brauchen und erwarten und haben im Grunde genommen die Idee der Genossenschaften, also den Nutzen der Mitglieder in den Vordergrund zu stellen, eins zu eins umgesetzt.