Büchergilde | 200 Jahre Raiffeisen

Die Büchergilde

„Die jüngere Generation hat das gut gemachte Buch wiederentdeckt“

Kunstvoll gestaltete Bücher verlegt die Büchergilde Gutenberg schon seit mehr als 90 Jahren. Doch inzwischen können die Leserinnen und Leser den Kurs der Buchgemeinschaft als Genossenschaftsmitglieder mitbestimmen. Geschäftsführer Mario Früh über E-Books, Generalversammlungen und die Buch-Vorlieben der Jüngeren.

Herr Früh, die Büchergilde Gutenberg ist die einzige literarische Buchgemeinschaft im deutschsprachigen Raum, mit mittlerweile rund 65.000 Mitgliedern. Seit 2014 ist die Büchergilde außerdem Genossenschaft. Was machen Sie seitdem anders?

Wir sind rechenschaftspflichtig gegenüber unseren Genossen, das sieht das Genossenschaftsgesetz vor. Ansonsten bleiben wir uns treu. Uns sind Inhalte, die Ästhetik eines Buches und die Buchherstellung wichtig. Wir bekommen regelmäßig Auszeichnungen von der Stiftung Buchkunst und anderen Organisationen. Dafür arbeiten wir auch weiterhin. Darüber hinaus ist die Genossenschaft ein Modell par excellence für die Büchergilde, schon wegen unserer Geschichte.

Was genau meinen Sie damit?

Die Büchergilde war seit ihrer Gründung 1924 durch den Bildungsverein der Buchdrucker eine Gemeinschaft und immer mehr als ein Buchclub. Das prägt auch das Selbstverständnis der Mitglieder. Außerdem schien uns die Genossenschaft am geeignetsten, um unsere Unabhängigkeit zu bewahren. In unserer Branche werden ja viele Verlage aufgekauft. Und wenn man seine Unabhängigkeit nicht behält, kann man inhaltlich nicht so arbeiten, wie wir es wollen.

Die Büchergilde hat rund 1.100 Genossenschaftlerinnen und Genossenschaftler. Wie viel Mitspracherecht haben diese Mitglieder?

Bei der Generalversammlung hat jedes Mitglied der Genossenschaft eine Stimme. Die Generalversammlung trifft sich einmal im Jahr und berät über den Kurs der Büchergilde. Jeder kann Anträge stellen, die werden dann debattiert und es wird darüber abgestimmt. Oft gibt es Vorschläge zur Unternehmenskultur und zu Strategien. Da kommen viele Ideen

Ist das nicht manchmal ungeheuer anstrengend, wenn jeder mitredet?

Ja, das ist natürlich anstrengend. Das wussten wir aber vorher und wollten es auch so. Man muss sich eben darauf einstellen. Wir wollen zum Beispiel die Kommunikation mit den Genossen anders organisieren. Wir sind gerade dabei, einen beratenden Beirat zu installieren, über den dann vieles laufen soll.

 

Er setzt auf verlegerische Unabhängigkeit: Büchergilde-Geschäftsführer Mario Früh.
Foto: Anja Jahn
Von wegen Bleiwüste: Die Büchergilde Gutenberg hat sich auf schön gestaltete Bücher spezialisiert.
Foto: Martin Mascheski

Als die Büchergilde gegründet wurde, sollte sie unterprivilegierten Arbeitern den Zugang zu Bildung ermöglichen. Gibt es heute einen vergleichbaren Bildungsauftrag?

Direkt vergleichen kann man das nicht, es hat sich wahnsinnig viel geändert in unserer Gesellschaft. Wir sehen Bücher als Lebensnotwendigkeit an, für Bildung und Kultur. Man muss sich nur mal vorstellen, es würde keine Bücher mehr geben, keine Buchhandlungen. Das wäre eine Katastrophe.

Die Buchbranche hat sich in den letzten Jahren stark gewandelt, auch durch Online-Handel, E-Books und große Handelsketten. Wie passt da ein kleiner Buchverlag rein?

Der passt da eigentlich sehr gut rein. Weil wir lange eine Nische bedient haben. Wir machen bei den Inhalten keinerlei Abstriche. Natürlich haben wir Unterhaltungsliteratur, aber auf einem bestimmten Niveau, das wir nie unterschreiten würden. Und wir haben besondere Maßstäbe, was die Buchästhetik und -ausstattung betrifft. Das illustrierte Buch ist für uns etwas ganz Wichtiges, wir arbeiten immer mit Künstlern zusammen. Gerade haben wir dafür wieder zwei Preise bekommen, einen von der Stiftung Buchkunst und einen aus Amerika.

Sie sagen, Sie haben eine Nische bedient, ist das nicht mehr so?

Da bewegt sich gerade ungeheuer viel. Seit etwa zwei Jahren kann man beobachten, dass andere Verlage nachziehen, was die Ästhetik betrifft. Und wir haben genau in diesem Zeitraum auf den Messen, also der Leipziger und Frankfurter Buchmesse, Rekordergebnisse beim Mitgliederzuwachs eingefahren. Und zwar bei den Jüngeren, so im Alter zwischen 20 und Anfang 30.

Das ist die Zielgruppe, die jeder haben will, oder?

Ja. Und ich denke, das liegt daran, dass sich in den letzten Jahren bei den Lesern etwas verändert hat. Der ganze Hype um dieses E-Book, der ist ins Stocken geraten. Die jüngere Generation hat das gut gemachte Buch wiederentdeckt.

Das ist ja ganz in Ihrem Sinne. Sie verlegen weder E-Books noch Taschenbücher.

Ja, das ist richtig. Taschenbücher sind wichtig, aber sie passen einfach nicht in unser Konzept.

„Die Genossenschaft schien uns am geeignetsten, um unsere Unabhängigkeit zu bewahren. In unserer Branche werden ja viele Verlage aufgekauft. Und wenn man seine Unabhängigkeit nicht behält, kann man inhaltlich nicht so arbeiten, wie wir es wollen.“

Mario Früh
Geschäftsführer der Büchergilde

Gibt es den typischen Büchergilde-Leser?

Die typischsten sind Viel-Leser, die bei uns und anderswo kaufen.

Welche Pläne haben Sie für die Büchergilde?

Wir wollen weiter wachsen. Denn wir sind noch nicht so bekannt, wie wir es gerne wären. Aber wir arbeiten daran. Zum Beispiel haben wir am Internationalen Genossenschaftstag am 1. Juli eigene Aktionen gemacht.

Was denn zum Beispiel?

Wer eine unserer 80 Partner-Buchhandlungen besucht hat, bekam ein kleines Geschenk. Solche Aktionen zur Steigerung der Bekanntheit der Büchergilde sind natürlich auch ein wichtiges Thema, bei dem sich die Genossen einbringen können. Jeder von ihnen bringt ja seine eigene Lebens- und Berufserfahrung mit. Davon profitieren wir auch.