Das Kartoffelkombinat | 200 Jahre Raiffeisen

Im Wettbewerb bestehen,
die Natur respektieren

Jetzt haben sie den Salat

Diese Erfolgsgeschichte kann sich sehen lassen: Innerhalb von sechs Jahren ist das Kartoffelkombinat zum größten Projekt solidarischer Landwirtschaft in Deutschland geworden. Dabei hatten die beiden Gründer der Genossenschaft, Daniel Überall und Simon Scholl, anfangs gar keine Ahnung von Landwirtschaft und Gärtnerei. Ihr Motto: „Mehr machen, weniger reden!“.

In einer Scheune in Spielberg bei Mammendorf, 30 Kilometer westlich von München, packen Mitarbeiter des Kartoffelkombinats grüne Kisten mit dem Ernteanteil der Woche. Diesmal gibt es  einen Kopfsalat, eine Schale Kresse, ein paar Mairübchen, einen Topf Basilikum, eine Stange  Lauch, ein paar Kartoffeln und einen Kohlrabi. Später werden die Kisten an Verteilpunkte in München ausgeliefert, wo die Genossen sie abholen.

Die 1.200 Mitglieder der Genossenschaft, die eine Biokiste beziehen, lassen sich das frische, saisonale und regionale Gemüse des Naturland-Betriebs einiges kosten. Jeder zahlt einen einmaligen Genossenschaftsanteil von 150 Euro und einen jährlichen Kostenbeitrag von 900 Euro. Pro Woche sind das 17,30 Euro. Die Genossen decken mit ihrem Beitrag die Kosten für den Betrieb des Kartoffelkombinats. „Die Ernte wird zu gleichen Teilen aufgeteilt, egal, ob sie groß oder
klein ausfällt“, sagt Diplom-Betriebswirt Simon Scholl. Das ist sein Prinzip der solidarischen Landwirtschaft.

Das Land in die Stadt importieren

Mit der Form der Genossenschaft ist sichergestellt, dass das Projekt gemeinschaftlich getragen wird und nicht an einzelnen Personen hängt. Zudem wollten Scholl und sein Kompagnon Daniel Überall kein profitorientiertes Unternehmen gründen. „Uns geht es stattdessen um gemeinwohlorientierte Sinnhaftigkeit“, sagt Diplom-Kommunikationswirt Überall. „Mit unserem Projekt wollen wir das Land in die Stadt importieren, und es ist ein Experiment, um ein  Postwachstums-System aufzubauen.“

Im Kartoffelkombinat wird die gesamte wirtschaftliche Wertschöpfungskette vereint. Die Genossen sind quasi gleichzeitig Investoren, die ihr Kapital gut anlegen möchten, und Arbeitgeber, die Wert
auf geringe Produktionskosten legen. Sie sind Arbeitnehmer, die einen gerechten Lohn erwarten, und Kunden, die gute Produkte für ihr Geld wollen. Hinzu kommt, dass die Ökobilanz des Betriebs stimmt, die Qualität der Produkte gut und der Betriebskostenanteil für die Genossen so niedrig ist, dass er für die breite Masse bezahlbar ist. Und dennoch sollen die Jobs gut bezahlt werden. „Wir suchen immer die optimale Lösung, die alle Aspekte berücksichtigt und einen Ausgleich herstellt“, sagt Scholl. So sind die Arbeitsbedingungen beim Kartoffelkombinat deutlich besser als üblich. Alle
Mitarbeiter haben unbefristete Verträge, ein Gärtner, der normalerweise in Bayern nur rund 2.000 Euro brutto verdient, erhält 3.000 Euro monatlich.

Wir wollten sozialunternehmerisch etwas aufbauen und unsere Familien ernähren.

Simon Scholl
Gründer der Kartoffelkombinat eG

Überall ist genauso wie sein Vorstandskollege Scholl Quereinsteiger in der Landwirtschaft. Beide haben sich im November 2011 in der Münchner Nachhaltigkeitsszene kennengelernt, beide hatten sich bereits für verschiedene Projekte engagiert, beide waren in einer ähnlichen Situation. „Wir wollten sozialunternehmerisch etwas aufbauen und unsere Familien ernähren“, berichtet Scholl. Nach einem Besuch bei einer Initiative für solidarische Landwirtschaft war klar, dass sie diesen  Ansatz weiterverfolgen wollen.

„Wir sind dann schnell ins Handeln gekommen“, erzählt Überall stolz. Schon nach kurzer Zeit hatten die beiden genügend Unterstützer für ihr ehrgeiziges Projekt gefunden. Bereits am 30. April 2012 wurde das Kartoffelkombinat gegründet. Zunächst kooperierte die junge Genossenschaft mit einem Naturland-Betrieb, der das Gemüse erzeugte. Mit der wachsenden Zahl der Genossen gelang es dem Kartoffelkombinat 2017, die Gärtnerei in Spielberg mit sieben Hektar Anbaufläche zu erwerben. Elf Hektar wurden dazugepachtet. Insgesamt werden von den 25 Mitarbeitern zurzeit
18 Hektar Land bewirtschaftet.

So sehen Kartoffelbauern heute aus: Simon Scholl (links) und Daniel Überall beliefern 1.200 Münchner mit frischem Gemüse.
Bilder: Regina Recht

Krumme Rüben in der Biokiste

„Nun sind wir in der Lage, 70 Prozent unseres Bedarfs selbst anzubauen“, berichtet Überall, der das Kartoffelkombinat gemeinsam mit Scholl in Teilzeit leitet. Der Rest wird von Partnerbetrieben
geliefert, ein kleiner Teil wird noch dazugekauft. So ist sichergestellt, dass die Versorgung der  Genossen mit Lebensmitteln abwechslungsreich ist.

Dass das Kartoffelkombinat kein normaler Betrieb ist, sieht man schon an der Optik: Es gibt keine Felder. „Wir haben eine Beetstruktur“, berichtet Überall. Denn sonst können die Genossen nicht
regelmäßig Salat oder Karotten bekommen. In einem Beet sind die Salatköpfe bereit zur Ernte, im nächsten Beet sprießen sie noch kräftig, im dritten wird gerade eingesät.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist für die Genossenschaft, dass keine Lebensmittel verschwendet werden. „Bei einem normalen landwirtschaftlichen Betrieb bleiben 30 bis 40 Prozent der Ernte auf
dem Feld, weil sie sich wegen kleiner Mängel nicht verkaufen lassen“, erläutert Überall. Beim  Kartoffelkombinat passiert das nicht. Hier landen krumme Karotten, zu dicke Kartoffeln oder vom Hagel löchriger Salat in der Biokiste.