Interview Markus Hanisch | 200 Jahre Raiffeisen

Im Wettbewerb bestehen,
die Natur respektieren

„Genossenschaften bieten die Chance, Kräfte zu bündeln“

Professor Markus Hanisch leitet an der Berliner Humboldt-Universität das Fachgebiet „Ökonomik ländlicher Genossenschaften“. Er weiß, warum sich das Erfolgsmodell Genossenschaft weltweit durchgesetzt hat.

Genossenschaften gibt es auf der ganzen Welt. Wie kommt es, dass Menschen mit völlig unterschiedlichen Lebensbedingungen überall auf die gleiche Idee kommen?

Genossenschaften entwickeln sich überall dort, wo Menschen ihr Zusammenleben erlernt und erfolgreich gemanagt haben, in Vereinen, in Städten oder auch dörflichen Strukturen. Irgendwann stellt sich dann die Frage, ob man das gemeinsam in Kirche, Sportverein oder Chor Praktizierte übertragen kann auf wirtschaftliche Beziehungen. Es ist der Versuch, das gesammelte Vertrauen und das Wissen über gegenseitige Talente auf wirtschaftlichen Erfolg auszurichten. Das führt dazu, dass heute weltweit über neun Millionen Menschen in Genossenschaften organisiert sind.

Sie haben an der Berliner Humboldt-Universität die Professur „Ökonomik ländlicher Genossenschaften“ inne. Was untersuchen Sie?

Wir schauen uns unter anderem die Wirkungen ländlicher Genossenschaften auf ihre Mitgliederbetriebe und auf Märkte im Allgemeinen an. Also: Funktionieren Märkte, in denen es viele Genossenschaften gibt, effizienter? Erzielt der Einzelne bessere oder fairere Preise für seine Produkte, wenn Genossenschaften stark sind? Und was treibt die Veränderungen in diesen Genossenschaften an?

Was haben Sie herausbekommen?

Da die Genossenschaften mitgliederfinanziert sind, fließen ihre Gewinne an ihre Mitglieder in Form von besseren Preisen zurück oder werden in ihrem Sinne investiert. Die übrigen Unternehmen müssen Gewinne erwirtschaften, damit die Kapitalgeber zufrieden sind - nicht die Kunden oder Nutzer des Unternehmens. Wir haben herausgefunden, dass im Vergleich aller europäischen Länder, immer da, wo Genossenschaften hohe Marktanteile haben, die Preise für die Produzenten auf dem Markt insgesamt besser waren. Diesem und anderen aus der Theorie bekannten Effekten spüren wir weiter nach, weil sie in der momentanen Diskussion um die Zukunft der Genossenschaften wichtige Argumente liefern können.

„Eine Besonderheit von Genossenschaften ist die Bindung der Mitglieder untereinander als Erfolgs- aber auch als Leidensgemeinschaft.“

Markus Hanisch
Professor im Fachgebiet Ökonomik Ländlicher Genossenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin
Sie wollen wissen, was Genossen eigentlich von der Genossenschaft haben: Professor Markus Hanisch (vorne rechts) und seine Doktoranden an der Humboldt-Universität zu Berlin.
Foto: privat

Sie befassen sich schon lange beruflich mit Genossenschaften. Was fasziniert Sie daran?

In der „normalen“ Wirtschaft werden Eigentümerschaft, Finanzierung und Management oft getrennt von der Frage, welchen Nutzen und Einfluss die Kunden auf ein Unternehmen haben sollen, behandelt. Bei einer Genossenschaft sind diese Bereiche immer untrennbar miteinander verbunden mit weitreichenden Konsequenzen für Kontrolle und Unternehmensführung. Sowohl die Probleme, die daraus entstehen, als auch die Chancen faszinieren mich.

Welche Chancen sind das?

Bei vielen gleichartigen Mitgliedern ist es die Chance, Kräfte zu bündeln und sich einen Teil der Wertschöpfung aus Produktion und Verarbeitung auch als Produzent zu sichern. Denn diese Mitglieder, zum Beispiel Kaffee- oder Milchbauern, können ihre Produkte gemeinsam verarbeiten und dann zu besseren Konditionen an den Markt bringen als alleine. Das wird immer wichtiger, je weiter die Märkte zusammenrücken und internationaler werden.

Wenn wir unterschiedliche Mitglieder haben, also kleine und große Bauern, müssen diese bei Kopfstimmrecht ihre Interessen demokratisch ausgleichen. Eine solche Zusammenarbeit kleiner und großer Produzenten ist in einer Kapitalgesellschaft schwer vorstellbar, weil die „Großen“ über Anteilsgröße mitbestimmen und deshalb meist die „Kleinen“ rausdrängen. Die Frage, wie mit Heterogenität umgegangen wird, wird langfristig die Zukunftsperspektiven der Genossenschaft als Rechtsform auf modernen Agrarmärkten bestimmen.

Wenn alles gut geht, können die Genossenschaftsmitglieder die Strategiewahl getrost dem gewählten Management überlassen. Wenn es aber hart auf hart kommt, haben die Genossenschaftsmitglieder am Jahresende immer auch die Chance, ein gehöriges Wörtchen mitzureden. Diese Veto-Macht aus Mitbestimmung ist und bleibt ein wichtiges Kriterium für viele Genossenschaftsmitglieder.

Welche Rolle spielt die Gemeinschaft dabei?

Eine Besonderheit von Genossenschaften ist die Bindung der Mitglieder untereinander als Erfolgs- aber auch als Leidensgemeinschaft. Das Netzwerk und das soziale Kapital hieraus können eine große Hilfe sein, gerade wenn es mal eng wird.

Die Genossenschaften haben weltweit viele gute Strategien erfunden, um Marktrisiken und unfairem Verhalten Paroli zu bieten. Genossenschaftsbauern sind deshalb meiner Ansicht nach etwas robuster gegen Krisen. Unsere Datenauswertungen sprechen auch dafür, dass sich hohe genossenschaftliche Marktdurchdringung langfristig mäßigend auf Preisschwankungen auswirken kann.

Und welche Herausforderungen birgt die Genossenschaftsform?

Die Last der Kontrolle des Managements fällt letztendlich auf die Mitglieder. Die Genossenschaft ist demnach nur so gut wie ihre Mitglieder eben diese Funktion ernst nehmen, professionalisieren und langfristig beherrschen. Wo sie dies ebenso gut erledigen wie investorengetriebene Unternehmen, da liegen die Vorteile auf der Hand. Nicht immer gelingt dies.

Sie wollen vor allem junge Leute für das Genossenschaftswesen begeistern. Wie machen Sie das und warum ist das so wichtig?

Die Jugend sucht zurecht zunehmend nach neuen und bewährten Modellen auf der Basis von Teilhabe und echter wirtschaftlicher Kooperation. Wir sehen das unter anderem an dem Wachstum der „Sharing-Economy“ und an einem stärkeren Interesse am Genossenschaftsgedanken. Wir haben heute 71 Studierende in unserem Masterstudienangebot, also zehn Mal so viele wie noch vor 17 Jahren.