200 Jahre Raiffeisen

Mehr Raiffeisen wagen

Die Westerwälder Erklärung der Genossenschaften

Berlin/Frankfurt am Main/Düsseldorf, 24. Januar 2017

Am 30. März 2018 jährt sich der Geburtstag von Friedrich Wilhelm Raiffeisen zum 200. Mal. Der im Westerwald geborene Genossenschaftsgründer ist einer der großen Sozialreformer unserer Geschichte. In seiner Heimat entwickelte er seine Grundidee des modernen Genossenschaftswesens, einer weit reichenden organisatorischen Innovation. Das Jubiläum fällt in eine Zeit, die auch uns Genossenschaften tief bewegt und in der wir uns als nachhaltig erfolgreiche Wirtschaftskraft zum Handeln veranlasst sehen. Gemeinsam sagen wir: „Mensch Raiffeisen. Starke Idee!“. Auch Deutschland – im Herzen Europas gelegen – sieht sich 200 Jahre nach Raiffeisen vor zahlreiche neue Herausforderungen gestellt. Europa kämpft um seinen Zusammenhalt und muss zugleich darauf hinwirken, für seine Bürger attraktiv zu bleiben. Eine angemessene Teilhabe an Wachstum und Wohlstand ist dabei eine Kernforderung. Dies gilt im Zeitalter der Globalisierung umso mehr. Wir Genossenschaften vernetzen mit unserer Idee Menschen in Wirtschaft und Gesellschaft – regional, national, europäisch und zu guter Letzt auch global. In einer Zeit, in der viele Menschen mit großer Verunsicherung in die Zukunft schauen, sagen wir: Teilhaben eröffnet die Chance auf mehr demokratische Mitwirkung, Verlässlichkeit und nachhaltige Ergebnisse. Die Mitgliedschaft in einer Genossenschaft ermöglicht diese Teilhabe und bringt allen, die bereit sind Verantwortung zu übernehmen, klare Vorteile: Sicherheit, Problemlösung und wirtschaftlichen Erfolg.

Darum ist der Geburtstag des Mannes, der mit seiner Idee die Welt verändert hat, so bedeutend: Friedrich Wilhelm Raiffeisen war – ebenso wie auch Hermann Schulze-Delitzsch – ein Mensch mit einer starken Idee. Mehr als 22 Millionen Deutsche sind heute Mitglied einer Genossenschaft – fast 800 Millionen sind es weltweit. Sie haben das Modell des „gemeinschaftlichen Wirtschaftens“ und der vernetzten Wertschöpfung bereits für sich entdeckt. Allesamt organisieren sie in gemeinsamen Unternehmen Lösungen für Waren-, Dienstleistungs- und Geldgeschäfte aller Art; dazu gehören auch Kranken- und Altenbetreuung, der Bildungs- und Sozialbereich und der Energiesektor. Ihre Stärken spielen sie besonders in zukunftsweisenden Wirtschafts- und Gesellschaftsbereichen aus.

Wir Genossenschaften sind stolz auf unsere Geschichte und wir freuen uns darüber, dass die UNESCO Ende November 2016 in Addis Abeba die genossenschaftliche Idee in die „Repräsentative Liste des Immateriellen Kulturerbes der Menschheit“ aufgenommen hat. Den damit verbundenen gesellschaftspolitischen Auftrag nehmen wir gerne an. Die Entscheidung der UNESCO stärkt die Genossenschaftsidee. Selbsthilfe, Selbstverwaltung und Selbstverantwortung sind ebenso wie Solidarität und Achtung vor der Würde des anderen jene Werte, die das Genossenschaftswesen prägen. Wir wollen dazu beitragen, den sozialen Frieden und den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft zu stärken, zu bewahren und auch zu erneuern. Deshalb wollen wir noch mehr Menschen für die Idee des gemeinschaftlichen Wirtschaftens mit ihrem großen gesellschaftlichen Nutzen gewinnen.

Die Genossenschaften in Deutschland nehmen den 200. Geburtstag Raiffeisens zum Anlass, sich auf gemeinsame gesellschaftliche Ziele zu verständigen. Für diese Ziele wollen wir arbeiten und die Menschen begeistern. Raiffeisens Geschichte hat gezeigt: Soziale Innovation kommt aus der Mitte der Gesellschaft. Die Zeit dafür ist reif! Auf uns alle kommt es an!

 

Genossenschaften können viel erreichen – unsere Ziele:

I. Die Soziale Marktwirtschaft erhalten
Das übersteigerte und oftmals isolierte Streben nach Rendite hat allzu oft den einzelnen Menschen aus dem Blick verloren. Dem System des Shareholder Value stellen wir das Modell des Member Value gegenüber. In Genossenschaften werden Gewinne nicht an anonyme Investoren ausgeschüttet, sondern im Sinne der Mitglieder in das wirtschaftliche Fundament der Genossenschaft investiert. Wir wollen zu einer Wirtschaftsordnung beitragen, in der viele und nicht nur wenige von Wachstum und wirtschaftlichem Erfolg profitieren.

II. Die mittelständische Wirtschaft stärken
Mittelständische Unternehmen sind das starke und prägende Rückgrat unserer Wirtschaft und Gesellschaft. Ihre Position wollen wir im globalen Wettbewerb stärken. Ob in den Bereichen von Handwerk oder Handel, Landwirtschaft oder Finanzwirtschaft: Genossenschaften unterstützen ihre Partner darin, die Herausforderungen in ihren jeweiligen Märkten zu bewältigen. Sie bewähren sich besonders in Zeiten tiefgreifender Reformen und rascher Veränderungen.

III. Den mündigen Verbraucher fördern
Verbraucher sind zunehmend kritisch und selbstbewusst. Sie fragen nach und wägen ab, bevor sie entscheiden. Sie wollen vertrauen können. Gerade dem Bild des mündigen Bürgers entspricht die Genossenschaftsidee. Partnerschaft und das Ziel einer fairen langfristigen Verbindung stehen im Vordergrund.

IV. Eine intakte Daseinsvorsorge erhalten
Die Lebensmodelle sind in einer offenen, liberalen Gesellschaft vielfältiger geworden. Die Veränderung der Familienstrukturen, die berufliche Mobilität und der soziale Wandel fordern uns in früher nicht gekannter Weise. Mit Genossenschaften können Menschen soziale Infrastrukturen wie Wohnungen, Seniorenheime oder Kitas betreiben. Wir wollen, dass Menschen ohne Zukunftsängste leben – egal ob in der Metropole oder auf dem Land. Genossenschaften werten Wirtschafts- und Lebensräume auf.

V. Die demokratische Kultur beleben
Demokratie ist jene Form des Zusammenlebens, die immer wieder fördernder Impulse bedarf. In Zeiten wie diesen wollen wir wieder Lust auf Demokratie und konkrete Teilhabe wecken. In Genossenschaften können Menschen die Lösung lokaler Probleme in die eigene Hand nehmen. Wir wollen, dass Menschen demokratische Meinungsbildung vor Ort erfahren und durch Selbsthilfe, Selbstverantwortung und Selbstverwaltung neue Chancen der Partizipation nutzen können.

VI. Den eigenverantwortlichen Bürger ausbilden
Junge Menschen werden heute in einer Versorgungs-Gesellschaft groß. Ihnen wollen wir den Wert der Eigenverantwortung näher bringen. In Schüler-Genossenschaften können Jugendliche lernen, ihr Schul-Leben mitzugestalten und anhand eigener Ideen und Vorstellungen zu verbessern. Schülerzeitungen, soziale Projekte oder Fragen rund um eine gesunde Ernährung werden gemeinsam organisiert. Wir wollen dazu beitragen, den Nachwuchs zu eigenverantwortlichen Bürgern heranzubilden und das bürgerschaftliche Engagement zu stärken.

VII. Die Not der Ärmsten bekämpfen
Das Prinzip von „Hilfe zur Selbsthilfe“ hat in Deutschland Menschen den Weg aus bitterster Armut eröffnet. Heute wollen wir damit auch die Not in Entwicklungsländern bekämpfen. Schon gegenwärtig versorgen sich viele Menschen in den Entwicklungsländern Dank der Arbeit in Genossenschaften weitgehend selbst. Wir wollen, dass noch mehr Regionen, in denen Armut und Hungersnot herrschen, die Befriedigung ihrer Grundbedürfnisse genossenschaftlich organisieren.
Die Genossenschaften sind Deutschlands stärkste Wirtschaftskraft – sie werden von mehr als 22 Millionen Mitgliedern getragen. Keine andere Unternehmensform in unserer Gesellschaft hat eine derart breite Akzeptanz. Daraus erwächst Verantwortung. Wir wollen einen entscheidenden Beitrag dazu leisten, die Herausforderungen unserer Zeit zu meistern. Wir wollen das anstehende Raiffeisen-Jahr 2018 nutzen, um Deutschlands Genossenschaftsbewegung umfassend zu präsentieren, ihr breit gefächertes Wirken zu veranschaulichen und sie zugleich durch konkretes Handeln in den Mittelpunkt rücken.