Lebenslauf | 200 Jahre Raiffeisen

Friedrich Wilhelm Raiffeisen – einer der Väter der modernen Genossenschaftsidee

Seine Heimat hat er nie verlassen – seine Idee jedoch machte weltweit Karriere. Friedrich Wilhelm Raiffeisen hat mit seinem Wirken das Leben und Wirtschaften der Menschen spürbar verbessert. Zwei Prinzipien trieben ihn dabei an: Solidarität und Hilfe zur Selbsthilfe. Der Erfolg gibt ihm bis heute recht: Über 800 Millionen Menschen sind heute in Genossenschaften organisiert.

„Was einer allein nicht schafft, das schaffen viele.“

Entdecken Sie das Leben
von Friedrich Wilhelm Raiffeisen.
1818–1888
1818
Geburt am 30. März 1818 als siebtes von neun Kindern in Hamm an der Sieg – Karl Marx ist im gleichen Jahr geboren. Im Vorjahr hatten beim „Wartburgfest“ anlässlich des 300. Jahrestages der Reformation 500 Studenten und Professoren für einen deutschen Nationalstaat und Freiheitsrechte demonstriert. Hunger, Arbeitslosigkeit und politische Verfolgungen treiben Millionen Deutsche in die Emigration. Raiffeisen wird religiös erzogen; zugleich ist seine Kindheit von Geldnöten geprägt, Gymnasial- und Hochschulbesuch sind nicht finanzierbar. Er meldet sich mit 17 freiwillig zum Militär.
In Hamm (Sieg) erinnert das Deutsche Raiffeisenmuseum an Leben und Werk Raiffeisens, des größten Sohnes der Stadt. 
1844
Die schlesischen Weber erheben sich 1844 gegen ihre katastrophalen Lebens- und Arbeitsbedingungen. Die Revolte wird vom preußischen Militär blutig niedergeschlagen. Ab 1845 wird Raiffeisen aktiv gegen die Armut der Landbevölkerung. Nach acht Jahren Militärdienst, den er wegen eines Augenleidens verlassen musste, und erfolgreicher Verwaltungstätigkeit wird er 1845 Bürgermeister in Weyerbusch im Westerwald. Er initiiert einen Schulbau und setzt sich für den Bau einer Straße an den Rhein ein, um den Absatz von Agrarprodukten zu erleichtern. Diese drei Begriffe werden ab sofort sein Leben und seine Arbeit prägen: Selbsthilfe, Selbstverantwortung, Selbstverwaltung.
1984 wird die Straße von Weyerbusch nach Neuwied, Teil der heutigen Bundesstraße 256, zur „Historischen Raiffeisenstraße“.
1846
Die Ausbrüche von Vulkanen in Asien und im Pazifik verursachen Klimaveränderungen in ganz Mitteleuropa. Im Westerwald fällt im August 1846 Schnee, der Ernteertrag ist gering. Zusätzlich grassiert die Kartoffelfäule, die Lebensmittelpreise explodieren. Raiffeisen gründet den „Weyerbuscher Brodverein“ – anfänglich zur Verteilung von Lebensmitteln, dann für den gemeinsamen Bezug von Saatgut und Kartoffeln. Das bald darauf errichtete Gemeindebackhaus ist eine erste genossenschaftsähnliche Einrichtung.
Die ländlichen Genossenschaften in Deutschland werden heute von rund 476.000 Mitgliedern getragen.
1848
Raiffeisen wird Bürgermeister von Flammersfeld. Im gleichen Jahr veröffentlichen Karl Marx und Friedrich Engels in London das Kommunistische Manifest. Soziale, wirtschaftliche und politische Spannungen führen in vielen Teilen Europas zu Revolutionen. Während der deutschen Märzrevolution fordern Aufständische politische Freiheiten und demokratische Reformen. Die Erhebungen werden mit militärischer Gewalt niedergeschlagen.
Die Ausstellung im Raiffeisenhaus in Flammersfeld, in dem ehemaligen Wohnhaus und der Bürgermeisterei, stellt das Wirken Raiffeisens und die Entstehung des heutigen Genossenschaftswesens dar.
1849
Raiffeisen gründet den „Flammersfelder Hülfsverein zur Unterstützung unbemittelter Landwirte“, der Kredite an Landwirte vergibt. Es ist der erste Verein in Deutschland mit Solidarhaftung. Nahezu zeitgleich gründet in Sachsen Hermann Schulze-Delitzsch die ersten „Rohstoffassoziationen“ für Tischler und Schuhmacher und 1850 den ersten „Vorschussverein“ – den Vorläufer der heutigen Volksbanken.
Genossenschaften sind die mitgliederstärkste Wirtschaftsorganisationsform Deutschlands. Derzeit gibt es in Deutschland rund 8.000 Genossenschaftsunternehmen.
1852
Raiffeisen wird Bürgermeister von Heddesdorf (heute Neuwied), wo er die Folgen der industriellen Revolution für die Stadtbevölkerung hautnah erlebt. Nach zwei Jahren gründet er den „Heddesdorfer Wohltätigkeitsverein“ für die Fürsorge für verwahrloste Kinder sowie deren Erziehung, den Kauf von Vieh für unbemittelte Landleute, die Beschäftigung entlassener Sträflinge und die Errichtung einer Kreditkasse für Bedürftige. Wesentliche Unterstützung für sein Vorgehen fand Raiffeisen beim Haus Wied und seinem Fürsten Wilhelm.
Das Prinzip „Hilfe zur Selbsthilfe“ findet heute bei vielen Mikrofinanzinstituten in Entwicklungsländern Anwendung.
1862
Die von Raiffeisen gegründeten Darlehnskassenvereine in Anhausen, Engers und Heddesdorf verpflichten die Kreditnehmer erstmals zur Mitgliedschaft und können daher als echte Genossenschaften bezeichnet werden. Sie gelten heute als erste Genossenschaften im Raiffeisenschen Sinne. Als Geburtshelfer eng an der Seite von Raiffeisen: der Landwirtschaftliche Verein für Rheinpreußen. 
Heute sind 22,4 Millionen Menschen in Deutschland Mitglieder in Genossenschaften.
1866
Ein Jahr, nachdem Raiffeisen aus gesundheitlichen Gründen in den Ruhestand versetzt worden ist, veröffentlicht er – mit wesentlicher Unterstützung seiner Tochter Amalie – sein Buch „Die Darlehnskassenvereine als Mittel zur Abhülfe der Noth der ländlichen Bevölkerung sowie auch der städtischen Handwerker und Arbeiter“. Das Buch wird ein Erfolg. Vier Jahre später existieren in der preußischen Rheinprovinz bereits 75 solcher Vereine. Neben den Vereinen thematisiert das Buch auch andere Genossenschaftsarten wie Konsum-, Verkaufs-, Winzer-, Molkerei- und Viehversicherungsgenossenschaften.
2012 wird die Deutsche Friedrich-Wilhelm-Raiffeisen-Gesellschaft gegründet. Vereinsziel sind die „Pflege und Würdigung des Lebenswerkes von Friedrich Wilhelm Raiffeisen und seines in Schriften und Reden überkommenen geistigen Erbes“, die „Förderung des darauf beruhenden Genossenschaftsgedankens in Deutschland“ sowie die Auseinandersetzung mit dem Genossenschaftswesen.
1869
Der „Systemstreit“ mit dem Politiker und Mitbegründer des Genossenschaftsgedankens, Herrmann Schulze-Delitzsch, erreicht einen ersten Höhepunkt. Während Schulze-Delitzsch vor allem kleine Handwerker und Händler unterstützen will, liegt Raiffeisens Fokus auf der Unterstützung der ländlichen Bevölkerung. Bei diesem Systemstreit geht es um unterschiedliche Vorstellungen über die Höhe von Mitgliedsbeiträgen, die Rückzahlungsfristen und die Verankerung christlich-ethischer Grundwerte in den Genossenschaften. Doch so sehr Raiffeisen und Schulze-Delitzsch strittig über den Weg waren – im Ziel waren sie sich einig.
Im sächsischen Delitzsch widmet sich das Schulze-Delitzsch-Haus dem Leben und Werk des Mitbegründers des modernen Genossenschaftswesens.
1872
Raiffeisen gründet die Geldausgleichsstelle der „Rheinischen Landwirtschaftlichen Genossenschaftsbank“ und 1874 die „Deutsche Landwirtschaftliche Generalbank“, durch die die Vereine einander finanziell unterstützen können.
Das Genossenschaftsbankwesen beschäftigt heute rund 187.000 Voll- und Teilzeitkräfte.
1876
Mit der Gründung der Landwirtschaftlichen Zentralkasse für Deutschland und 1877 des „Anwaltschaftsverbandes ländlicher Genossenschaften“ entstehen zentrale Einrichtungen für Spar- und Darlehnskassenvereine auf nationaler Ebene.
Mit etwa 30 Millionen Kunden und über 18 Millionen Mitgliedern bilden die Genossenschaftsbanken die größte genossenschaftliche Gruppe in Deutschland. In Deutschland gibt es rund 1.000 Volksbanken und Raiffeisenbanken. Mit insgesamt rund 12.000 Bankstellen besitzen sie eines der dichtesten Bankservicenetze in Europa.
1877
Raiffeisen ruft den ersten Spitzenverband der ländlichen Genossenschaften ins Leben: Im „Anwaltschaftsverband ländlicher Genossenschaften” schließen sich in Neuwied 24 Darlehnskassenvereine zusammen. Der Verband soll der Verbreitung der Darlehenskassen, der gemeinsamen Interessenvertretung und dem gemeinsamen Ein- und Verkauf dienen.
Heute beschäftigen die ländlichen Genossenschaften über 107.000 Mitarbeiter und gehören damit zu den wichtigsten Arbeitgebern im ländlichen Raum.
1888
Raiffeisen soll für seine Verdienste beim Aufbau des landwirtschaftlichen Genossenschaftswesens die Ehrendoktorwürde der Friedrich-Wilhelm-Universität Bonn erhalten. Er stirbt kurz davor am 11. März 1888 in Heddesdorf. Vier Jahre vor seinem Tod hat Kaiser Wilhelm I. ihn zum Ritter des Roten Adlerordens ernannt.
Nach Raiffeisen sind zahlreiche Schulen, Straßen, Gebäude und die Raiffeisenbanken benannt. 1968 wird eine 5-DM-Münze zu seinen Ehren herausgegeben. Die Vereinten Nationen rufen 2012 zum Internationalen Jahr der Genossenschaften aus. 2016 wird die Genossenschaftsidee in die Repräsentative Liste des Immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommen. Weltweit zählen Genossenschaften über 800 Millionen Mitglieder.